Rezension: Gedichte mit Kunstwerken ihrer Zeit

Dieses wunderschöne Buch enthält Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke. Diese Gedichte werden von zauberhaften Blumen- und Landschaftbildern begleitet, so dass das Buch in seinem Gesamtkonzept an ein Poesiealbum erinnert.

Gemälde und Aquarelle von Caspar David Friedrich, Heinrich Wilhelm Tischbein, Johann Ferdinand Waldmüller, Philipp Otto Runge, Carl Spitzweg, Gustav Klimt u.a. sorgen beim Leser dafür, sich in die Stimmung der Gedichte einzufinden. Goethes Liebesgedichte, auch seine Naturgedichte korrespondieren sehr gut mit den ausgesuchten Gemälden, wie etwa Caspar David Friedrichs "Auf dem Segler" oder "Der Mönch am Meer".

Tischbeins Gemälde "Goethe am Fenster der Römischen Wohnung am Corso" von 1787 wurde seinem Gedicht "Die Musageten" zugeordnet. Seine Frühlings- und Herbstgedichte haben auch den geeigneten Rahmen gefunden.

Vor einigen Zeit habe ich mich mit Schillers Lyrik ausführlich befasst und finde, dass die im Buch vorgestellten Gedichte eine gute Auswahl verkörpern. Mein Lieblingsgedicht fand ich auf Seite 49 abgedruckt. Ich erlaube mir den letzten Vers daraus hier zu zitieren:

"Deine Blicke- wenn sie Liebe lächeln,
Können Leben durch den Marmor fächeln
Felsadern Pulse leih`n
Träume werden um mich her zu Wesen,
Kann ich nur in deinen Augen lesen:
Laura. Laura mein!"

So kann nur ein hochgradig verliebter Mann schreiben.

Schiller fragt in einem anderen Gedicht (S. 48), fast ein wenig verzweifelt:

"Kann der Liebe süß Verlangen
Emma, kann`s vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen
Emma, kann`s die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut
Stirbt sie, wie ein irdisch Gut?"

Die Lyrik einer meiner Lieblingsdichter - Heinrich Heine - berührt mich dann besonders, wenn er traurige Liebesgedichte verfasst. Er weiß in vier Zeilen auf eindringliche Art seine Gefühle zu einer Frau zu formulieren:

"Ich habe dich geliebt und liebe dich noch!
Und fiele die Welt zusammen
Aus ihren Trümmern steigen doch
Hervor meiner Liebe Flammen."

Das Gedicht "Zuneigung" macht deutlich, dass dem Dichter stets die Möglichkeit bleibt, vergangene Liebesgefühle durch ein Gedicht für die Ewigkeit festzuhalten. " Verblichen und verweht sind längst die Träume,/ Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild/...." (S.98)

Spitzwegs witzige Bilder passen sehr sehr gut zu ironischen Gedichten Heines, in denen überbordende Gefühle leicht auf die Schippe genommen werden, wie etwa hier:" Das Fräulein stand am Meere/Und seufzte lang und bang,/Es rührte sie so sehre/ Der Sonnenuntergang.".... :-))

Ein großes Lob gilt der Auswahl der wundervollen Gedichte Rilkes. Dass bei seinem Gedicht "Die Liebenden" eine Ablichtung der Skulptur "Die Liebenden" von Auguste Rodin beigefügt wurde, finde ich sehr passend.

"Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
in ihren Adern wird alles Geist.
Ihre Gestalten beben wie Achsen,
um die es heiß und hinreißend kreist,
Dürstende, die sie bekommen zu trinken,
Wache und sieh: sie bekommen zu sehen.
Lass sie ineinander sinken,
um einander zu überstehn."
(S. 123)

Auf den letzten Seiten kann man Kurzbiografien der Dichter lesen und erfährt den Standort der Originale der im Buch abgelichteten Bilder und Skulpturen.

Ein wunderschönes Buch, das ich gerne empfehle.

Rezension: Charles Bukowski- Letzte Meldung

Der amerikanische Schriftsteller und Lyriker Charles Bukowski (1920-1994) hat einen beachtlichen Fundus an Gedichten, Fragmenten und Unvollendetem hinterlassen. Der vorliegende Band "Letzte Meldungen" hat sein Freund und Übersetzer Carl Weissner herausgegeben und sich dabei an den hohen Qualitätsanspruch Bukowskis bei der Auswahl der Gedichte gehalten, zu denen auch zahlreiche deutsche Erstveröffentlichungen zählen.

Der in Andernach am Rhein geborene Lyriker lebte seit 1922 in den USA. Die Gedichte sind mit das Beste, was ich je an Lyrik gelesen habe. Das gilt auch für sein Gedicht "Catull und seine Liebesgedichte", in dem er eine kleine, möglicherweise erfundene historische Anekdote erzählt, die mit dem Fazit endet "Besser man fängt mit einem /Flittchen an, als dass man/ mit einem endet."(S.32)

Er schreibt amüsiert über die "Gallopiernde Inflation" in den 1920er Jahren und resümiert: "Sieht so aus, als würden/nur die Nutten am Imperial/Highway überleben und sich/die Erde untertan machen."(S.49)

An anderer Stelle dichtet er von Jockeys wie Johnny, die für ihn die Tragödie des Lebens definieren und zwar mehr als der Tod von Marco Polo, Picasso oder Heinrich dem VIII. Das Gedicht, in dem er Johnny gedenkt, lässt er mit den Worten enden: "Während Kant/mumifiziert in/seinem Sarg liegt/und Mozart zu/Staub zerfällt/haut Johnny/eine Karte/ auf den/ Tisch/und ge-/winnt doch/noch ein/Spiel". (S.53) Für Bukowski findet das Leben im Jetzt und nur dort statt und er macht in allen Gedichten deutlich, dass dieses gegenwärtige Leben jenseits des schönen Scheins zu Erkenntnissen führt, die Bildung letztlich nicht zu geben vermag. "Shakespeare ist tot."....(S.55)

Berührend, seine Selbsterkenntnis und der Hinweis auch, dass er sich zwar stets mit der krassen Sprache der Unterschicht und deren Elend auseinander setzte aber letztlich anderswo her kam. "Ein Klugscheisser/ Das war ich,/ auf dem Campus.... Ich las nichts als Nietzsche und/ Schopenhauer./ Ich hatte Journalismus und Kunst belegt/und wenn wir einen Text pro Woche/schreiben sollten, gab ich sieben ab." (S. 57)

Pferde, Alkohl, Dirnen und Zocker- Männerwelten sind sein Thema, aber auch "Kleopatra mit sechzig , die einst der schönste Filmstar des Landes war und mit einem gebrochenen Rückenwirbel im Krankenhaus liegt. Man gedenkt ihrer kaum noch. Die Besucher des einst gefeierten Stars sind rar. Sie ist auf sich selbst zurückgeworfen." Was geht ihr wohl durch den Kopf;/hat sie vielleicht ihr wahres Ich/entdeckt, zu echter Einsicht/ gefunden,wenn auch vielleicht zu/spät?.../

Um Ihre Leselust anzutörnen, will ich eines der vielen Gedichte aus dem Buch zitieren. Ich finde dieses Gedicht außerordentlich gelungen, subtil, ganz nah am Leben, näher als all als das, was man in jungen Jahren so oft erzählt bekommt. Pädagogisch ist es sehr wertvoll:

Einer kam Durch

Peter war eine Missgeburt
Peter war fett, eine Dumpf-
backe, unbeholfen, er stotterte
und stolperte, die Mädchen
lachten ihn aus, die Jungs
trietzten ihn, nach dem Unterricht
musste er oft dableiben, die Brille
fiel ihm dauernd von der Nase
seine Schnürsenkel waren lose
das Hemd hing ihm hinten raus
er hatte unmögliche Sachen an
und saß immer in der hintersten
Reihe, und der Rotz lief ihm
aus der Nase.


Das war damals. In der Grundschule
und den ersten beiden Jahren
Highschool. Danach
verloren sie ihn
aus den Augen.


Heute fährt er seine teuren Autos
nie länger als ein Jahr, hat ständig
eine neue und noch schönere Freundin
trägt keine Brille mehr, ist
schlank, sieht beinahe gut aus
hat ein selbstbewusstes Auftreten
ein Anwesen in Mexiko, ein
Haus in Hollywood.
Er ist Kunsthändler, spekuliert
an der Börse, spricht
drei Sprachen. besitzt eine Jacht
und ein Privatflugzeug.
Nebenbei ist er auch noch
Filmproduzent.


Denen aus der Schulzeit
ist er ein komplettes
Rätsel. Irgendetwas
ist passiert. Aber
was, zum Kuckuck?


Die meisten Götterjünglinge
von damals, soweit sie
überlebt haben, sind krumm
und bucklig, unrühmlich ge-
scheitert, halb verblödet,
obdachlos, senil oder kurz
vor dem Tod.


Es kommt selten so
wie man denkt.
Eigentlich
nie.


Charles Bukowski ist ein Vertreter des Hier und Jetzt. Das zeigen alle seine Gedichte. Das Gedicht "Einer kam durch" macht deutlich, dass er sehr weise war und gerade deshalb so respektlos gegenüber jeglichem schönen Schein.
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Rezension: Andrea Engen - Nur nicht fühlen Jetzt

Andrea Engen lässt den Leser im Klappentext dieses auch optisch gelungenen Gedichtsbandes wissen, dass sie seit ihrem 19. Lebensjahr ihre Gedanken aufnotiert. Im Alter von 52 Jahren litt sie an Liebeskummer und schrieb "extrem und viel", wie sie sagt. Engen nahm ihre alten Aufzeichnungen zu diesem Zeitpunkt zur Hand, überarbeitete das Ein oder Andere, es entstand allerdings auch Neues und so kam es zu diesem Büchlein, das mit einer fragenden Sentenz Kurt Tucholskys beginnt: "Muss denn immer gleich von Liebe die Rede sein?"

Eine gute Frage, die ich immer mit einem Ja beantworten würde. Liebe sollte in jeder Begegnung mit einem neuen Menschen mitschwingen. Allerdings bedingt sie nicht immer ein erotisches Verhältnis und begründet schon gar nicht Besitzansprüche. Man sollte sie, in ihren unterschiedlichen Facetten stets zulassen, weil sie die Kommunikation mit unseren Gegenübern einfach schöner gestaltet.


Engens Texte berühren mich. Es ist die Poesie einer reifen Frau, die es nicht verlernt hat, intensiv zu fühlen. Von ihren alten Texten hat sie offenbar jene gewählt, zu denen sie heute noch steht. Mir ist es nicht möglich auszuloten, in welchem Alter Engen den jeweiligen Texte verfasst hat. Die Seele hat ihre eigene Sprache. Bei vielen Menschen ist sie bis ins hohe Alter unreif, bei Engen ist das Gegenteil der Fall.
Eines der schönsten Gedichte ist m.E. dieses:


Lächeln
Als ich den Hörer auflegte
Als ich dann allein war
Als ich mich erinnerte
Als ich dem Mond zugelächelt habe
Als ich nachfühlte
Als ich mich dann sehnte
Als ich also vermisste
Habe ich gelächelt.

Es gibt nur wenige junge Frauen, die zu einer solchen Selbstbeobachtung fähig sind, wenn sie Schmetterlinge im Bauch haben. Man benötigt Reife, um die eigene Emotion mit einem beinahe amüsierten Abstand zu betrachten und ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein, wenn man ein Gedicht veröffentlicht, das mit den Zeilen beginnt:"Du warst auf der Durchreise/Ich in den Wechseljahren/Als wir uns das erste Mal trafen/...


Engen ist eine Frau, das geht aus all ihren inhaltlich und sprachlich schönen Texten hervor, die nicht aufgehört hat, den Moment zu genießen, die das Küssen nicht verlernt hat, trotz ihrer 53 Lenze, die immer noch mit und ohne Herzens-Du auf einem alten Parkett tanzt und die -wiederum amüsiert-, sich ihrer Lust erinnert während einer Nacht mit einem offenbar wesentlich jüngeren Mann: "Du hast mich einfach so geküsst/Hotelflurteppichboden schluckte Zweifel/Und den Altersunterschied/Dein Lachen- so frech, so jung/Ich erinnerte mich wieder an meine Lust/In dieser Nacht/..."


Neben den Texten gefallen mir auch die schönen Fotos, die von einer Frau erzählen, die den erotischen Moment zu schätzen weiß und die das Lieben nicht verlernt hat.


Empfehlenswert.

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Rezension:Fast ganz die Deine (Gebundene Ausgabe)

Die Autorin des vorliegenden, nie abgesandten Briefes wurde nur 34 Jahre alt. Marcelle Sauvageot verstarb 1934 in Davos an einem Lungenleiden. Während ihres Aufenthaltes in einem Sanatorium in Hautville schreibt sie ihrem Geliebten. Dieser hat sich überraschend für eine andere Frau entschieden, die er heiraten möchte. Das hat er Marcelle brieflich mitgeteilt. Seine Entscheidung begründet er, wie man dem Kontext ihres Briefes entnehmen kann, mit seinen Bedenken gegenüber Marcelles Stärken: ihrer Unabhängigkeit, ihren eigenwilligen Gedanken. Diese Attribute, die ihn einst an ihr faszinierten, bewertet er nun negativ.
Die kranke Frau hat Grund, sich verletzt zu fühlen und traurig zu sein. Sie reflektiert die Liebe zu diesem Mann und stellt ihn mit seinen positiven und negativen Seiten dar. Feinfühlig und intelligent sucht sie noch einmal, im Angesicht ihrer tödlichen Krankheit, gedanklich seine Nähe. Gleichwohl verliert sie an keiner Stelle ihrer eindringlichen Zeilen ihren Stolz gegenüber dem Abtrünnigen. Nachdem sie sich den Kummer von der Seele geschrieben hat, entscheidet sie sich dafür wieder fröhlich zu sein, Champagner zu trinken und sich einem neuen Augenblick zuzuwenden. So als ob ihr Leben ewig dauern würde....


Im Anschluss an den gefühlvollen, gleichwohl geistig tiefsinnigen Text hat man Gelegenheit sich mit diesbezüglichen Anmerkungen des französischen Kritikers Charles Du Bos und der Schriftstellerin Ulrike Draesner auseinander zusetzen.


Empfehlenswert!

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Rezension : Briefe bewegen die Welt

Bauchschmerzen habe ich immer dann, wenn ich Briefe von Menschen lese, die nicht an mich gerichtet sind. Selbst wenn solche Briefe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, habe ich stets den Eindruck in die Privatsphäre von Menschen einzudringen, deren Zustimmung ich dazu nicht erhalten habe. Beim vorliegenden Buch war die intellektuelle Neugierde stärker als meine Vorbehalte. Meine Exkulpationsversuche wollten natürlich nicht greifen: "Wenn Karasek seine Neugierde auslebt, dann darf ich das auch." Nein, dann darf ich es noch lange nicht. Ich darf es nur, wenn mein Gewissen sein Einverständnis dazu gibt. Das ist allerdings nicht geschehen. Ich habe mich über mein Gewissen hinweg gesetzt, weil die abgedruckten Briefe und die Hintergrundinformationen von Hans Pöllmann und Sonja Wild mich einfach zu sehr interessieren, als dass ich meinen Grundsätzen treu bleiben könnte. Also halte ich es mit Oscar Wilde: "Mir sind Menschen lieber als Grundsätze und grundsatzlose Menschen überhaupt das Liebste auf Erden." Wie schön, Oscar Wilde mag mich ob meiner Handlungsweise. Alles ist gut.:-))

Dieses Buch enthält insgesamt 30 Briefe, mittels denen Hellmuth Karasek, er hat sie herausgegeben, bezweckt, das Leben zu zeigen.


Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass die Briefe als hochwertige Faksimiles abgedruckt und in Druckschrift wiedergegeben sind. Man hat sie zeitgeschichtlich eingeordnet und um die Lebensläufe und Porträtbilder der Briefeschreiber und Empfänger ergänzt.

Das Vorwort hat Jürgen Gerdes, der Konzernvorstand Brief Deutsche Post DHL verfasst. Die Einleitung stammt von Hellmuth Karasek, der über den tieferen Sinn von Briefen nachdenkt und zunächst vom wohl ältesten Brief des Welt schreibt, einem 2,8 Zentimeter messenden, ein Zentimeter dicken Fragment, das etwa 3400 Jahre alt ist. Karasek weiß, dass derjenige, der an Briefe denkt, zuerst Liebesbriefe im Sinn hat, Dokumente der Vertraulichkeit und der Freundschaft, die weite Strecken überwinden müssen. Briefe dienen, so der Literaturkritiker, dem Fernverkehr, "sie überbrücken Distanz und sie schaffen Distanz", (vgl: S. 9 u.10).

Die Briefe im Buch sind von ihrem Wesen her ganz unterschiedlich. Der Briefwechsel zwischen Konrad Adenauer und Theodor Heuss aus dem Jahre 1952 ist gesellschaftspolitischer Natur. Es geht um die National-Hymne.


Otto von Bismark bittet Heinrich von Puttkammer um die Hand seiner Tochter. Wie man erfährt soll der Brautvater zögerlich reagiert haben. Doch schließlich wurde das Edelfräulein von Puttkammer seine Frau. Bismarck soll wegen seiner Ehe viele Eskapaden gehabt haben, die von Johanna geduldet wurden. Diese Hintergrundinformation verdeutlicht mir mal wieder, wie sehr sich die Gefühle von Menschen ändern können und das nichts im Leben von Bestand ist.

Es ist unmöglich im Rahmen der Rezension alle Briefe zu beleuchten, obschon es eine interessante Aufgabe wäre. Der Brief, den Friedrich der Große an Voltaire schrieb, ist in französischer Sprache und in der deutschen Übersetzung abgedruckt. Wie man liest, soll die Brieffreundschaft der beiden besser als die persönliche Beziehung gewesen sein.

Sophie Scholl schreibt ihrem Verlobten am 16.2.1943, sechs Tage vor ihrem Tod einen kleinen Brief, der so hoffnungvoll endet: "Vielleicht können wir bald zusammen irgendwo anfangen". In den Erläuterungen zum Brief liest man "Die Studentin der Biologie und Philosophie mit kaum Lebenserfahrung hatte gewusst, sie hatte 1943 alles gewusst. Ihr Beispiel zeigt: Holocaust und Kriegsverbrechen fanden nicht im Verborgenen statt."

Der Kulturphilosoph Walter Benjamin schreibt am 2.8. 1940 an "seinen lieben Teddie", gemeint ist Theodor W. Adorno aus Lourdes: "Ich bin verurteilt, jede Zeitung (..) wie eine an mich ergangene Zustellung zu lesen und aus jeder Radiosendung eine Stimme des Unglücksboten herauszuhören." Der Briefeschreiber war Opfer des Nationalsozialismus. Adorno war einer der wenigen, die das Potenzial des Denkers erfasst haben.

Sigmund Freud schreibt an den Arzt Wilhelm Fleiss, über den man im Kurzporträt Näheres erfährt, einen kleinen Brief am 15.10.1895, der beinahe wie eine Notiz anmutet. Er macht in der Notiz deutlich, dass der Mensch bereits vor der Pubertät ein sexuelles Wesen ist.

Es ist unmöglich all die Briefeschreiber zu benennen. Goethe schreibt an Schiller am 6. Januar 1798. Wie man in den Erläuterungen erfährt, haben sich die beiden Dichterfürsten gut 1000 Briefe geschrieben. Dass ohne ihre Freundschaft, die in weiten Teilen eine Brieffreundschaft war, die Weimarer Klassik nicht hätte entstehen können, ist jedem klar, der sich mit der Geschichte Weimars befasst hat.

Mir gefällt der Brief Thomas Gottschalks an Marcel Reich-Ranicki vom 7.11.1999, der sehr charmant, witzig und herzlich verfasst ist. Der Briefempfänger hat gewiss seine Freude daran gehabt.

Am meisten berührt hat mich der Brief, den Gunter Sachs an Axel Cäsar Springer schrieb. Dieser Brief, der mit den Worten endet "Herr Springer wir sind uns selten begegnet; ich möchte sie nie mehr wiedersehen", bestätigt mir, dass Gunter Sachs ein Mann mit Rückgrat ist, der es durch seine Haltung schaffte, dass bei der "Bild" ein gewisses Umdenken einsetzte.

Ich möchte es bei dem Brief von Gunter Sachs belassen, obschon alle Briefschreiber es verdienen, erwähnt zu werden. Lange habe ich das beigefügte Foto dieses Mannes angesehen, der eine Aura besitzt, die ich selten in dieser Ausprägung an Menschen wahrgenommen habe. Gunther Sachs ist ein wirklich freier Mann. Kein Blender. Er strahlt Freiheit und Offenheit aus. Nichts an ihm ist aufgesetzt. Solch ein Mann lässt sich von der Presse nicht verschrecken. Er zeigte Flagge. Diesem Menschen gilt mein Respekt.

Ein sehr schönes, hochinformatives Buch. Karasek ist es wirklich gelungen das Leben mit seinen Höhen und Tiefen durch die 30 Briefe aufzuzeigen. Bravo.

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Rezension: Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe

mein Liebster schläft neben mir-
im schwachen Licht- sehe ich sein männliches Kinn
nachgeben- und den Mund seiner
Kindheit wiederkehren
eine weichere Weichheit
die Sensibilität die bebt
im Stillen
doch seine Augen müssen
wundersam geblickt haben aus dem Höhlenversteck des kleinen
Jungen- wenn das, was er nicht verstand-
vergessen ward
aber er wird so aussehen, wenn er tot ist
ach, unerträgliche unausweichliche Gewissheit
doch sähe ich lieber seine Liebe sterben
als ihn?

(Marylin Monroe, 1956)


Das vorliegende reich bebilderte Buch wurde von Stanley Buchthal und Bernard Comment herausgegeben. Es enthält persönliche Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe der großen Hollywoodschauspielerin.

Im Vorwort erfährt man, dass im Jahr 1962 bei ihrem Tode ihr persönlicher Besitz an Lee Straßberg ging. Als dieser 1982 verstarb, ging er an seine junge Witwe Anna Strassberg weiter. Man erfährt in der Folge, wie es dazu kam, dass man sich entschied Marilyn persönliche Aufzeichnungen zu veröffentlichen.

Dem Vorwort folgt ein erhellender Essay von Antonio Tabucchi "Schmetterlingsstaub", der an einer Stelle konstatiert, dass das Bild, das Marilyn in der Welt der Bilder hinterlassen hat, eine Seele verbirgt, von deren Existenz kaum einer wusste. Ich zitiere: "Eine schöne Seele, die von der Populärpsychologie wohl als "neurotisch" bezeichnet würde, so wie alle als neurotisch bezeichnet werden, die zu viel denken, zu viel lieben, zu viel fühlen."(S.18)

Tabucci hält weiter fest, dass das vorliegende Buch mit den vielen, bislang unveröffentlichten Dokumenten die Komplexität der Seele hinter dem Bild offenbart. Dieser Meinung stimme ich absolut zu.

Das Buch enthält private Aufzeichungen aus dem Jahre 1943. Hier schreibt sie u.a. "Es ist kein Vergnügen, sich selbst gut zu kennen oder es jedenfalls zu denken- jeder braucht ein bisschen Einbildung, um um an und um den Abgrund zu kommen." So schreibt dieses gerade einmal 17 jährige Mädchen, das sehr nachdenklich ist und so gar nicht dem Bild entsprechen will, dass man später von ihr zeichnet.

Marilyn in ein typischer Zwilling, das wird in jeder Zeile deutlich. Im Gegensatz zu Tabucchi glaube ich nicht, dass diese Frau ein Schmetterling sein wollte, sondern, dass sie aufgrund ihres Sternzeichens einer war und zwar einer mit zwei Seelen in ihrer Brust, deren eine Seele ein lyrisches Ich beherbergte.

Ich habe ihre Texte aus unterschiedlichen Jahren gelesen und mich amüsiert, wie sie ihre Schreibfehler berichtigt, indem sie die verunglückten Wörter durchstreicht und neu schreibt. Sie ist auch hier ein typischer Zwilling, zu schnell in ihren Gedanken und deshalb etwas unkonzentriert, wenn es darum geht, orthografisch fehlerfrei den Gedanken in Worte umzusetzen. Sie schreibt und hat bereits den nächsten kreativen Einfall und schon hat die Feder sich an einem Buchstaben verheddert.

Bei den Aufzeichnungen von 1955 finde ich folgendes Gedicht:

fühlen, was ich selbst
in mir fühle- Das heißt versuchen
mir bewusst zu machen
auch was ich in anderen spüre
mich nicht meiner Gefühle, Gedanken schämen-
oder Ideen
sie als das sehen, was
sie sind-
(S.83)

Sehr schöne Aufnahmen, die sie im Jahre 1953 ein Buch lesend und schreibend zeigen, visualisieren die Person, die sie auch war. Für Menschen, die nur in Schablonen denken, wird es schwierig sein zu verstehen, dass eine Frau schön und intellektuell zu gleich sein kann.

Man hat Gelegenheit einige ihrer Aufzeichnungen im Original kennenzulernen. Marilyn brachte in Druckbuchstaben ihre Gedanken zu Papier. Immer wieder sieht man sie auf Bildern lesen oder kommunizieren. Ihre Gedichte und Briefe machen deutlich, dass sie mit den geistvollen Männer, mit denen sie Liebesbeziehungen pflegte oder Affären hatte, intellektuell auf gleicher Augenhöhe stand. Neben ihren hohen geistigen Fähigkeiten besaß sie allerdings etwas, was diese Männer nicht in diesem Maße besaßen: Schönheit und Humor.

Ich wundere mich nicht, dass die Männer ihr zu Füßen lagen. Sie war eine Göttin und Mensch gewordene Traumfrau, von der sogar Truman Capote begeistert war.

Ein eindrucksvolles Buch. Sehr empfehlenswert.

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Rezension: Rosen - Die schönsten Gedichte

Dieses hübsche, kleine Gedichtsbändchen wird Rosenfreunde besonders erfreuen. Es enthält eine Vielzahl von Rosengedichten namhafter Lyriker, wie etwa Christian Morgenstern, Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Nikolaus Lenau, Novalis, Adelbert von Chamisso, Christian Friedrich Hebbel, Gottfried Ephraim Lessing, William Shakespeare, Johann Peter Hebel, und Clemens von Brenato.

Alle haben wunderschöne Rosengedichte verfasst und dabei nicht selten der Liebe gehuldigt. Es scheint mir fast undenkbar, dass Männer im Hier und Jetzt in der Lage sind, solche Rosenverse zu Papier zu bringen. Ihr Hang zu fragwürdiger Sachlichkeit hindert sie daran, von wilden oder süßen Rosen zu schreiben "Rosen, ihr blendenden/Balsam versendenen!/ Flatternde, schwebende,/Zweigleinbeflügelte,/ Knospenentsiegelte,/ Eilet zu blühn." Diesen Vers hat Goethe verfasst.

Alle Gedichte werden von zauberhaften Rosenfotografien begleitet. Eine besonders schöne Rose erblickte ich neben dem Gedicht von Christian Morgenstern mit dem Titel "Von den heimlichen Rosen". Es handelt sich bei dieser Rose um die Strauchrose "Rosenstadt Freising".


Das Gedicht, das mir am meisten gefällt, möchte ich hier wiedergeben:


Die Rosen von Saadi
Ich habe heute früh dir Rosen bringen wollen;
Doch mein Gürtel hat zu viele Rosen tragen sollen,
Dass die gespannten Knoten sie nicht halten wollten.

Die Knoten rissen. Und vom Wind gezogen,
Sind alle Rosen dem Meer zugeflogen,
So dass sie nimmer wiederkehren sollten.

Und rot und wie entflammt von ihnen schien das Meer
Heut Abend ist mein Gewand noch von ihren Düften
schwer.
Atme von mir den Balsam der Erinnerungen."
(Marceline Desbordes-Valmore (1786-1859)


Wenn ich einem Menschen, den ich einst geliebt habe, heute spontan einen Geburtagsgruß senden würde, würde ich wohl dieses Gedicht wählen. Allerdings verkneife ich mir solche Spontanitäten und sendet dann letztlich eher weniger aussagekräftige Botschaften. Weshalb? Keine Ahnung.:-))


Ein sehr schönes, inspirierendes Bändchen.

Rezension: Augenblicke in Goethes Garten

"Fühlst du nicht an meinen Liedern/Dass ich eins und doppelt bin? (Goethe)
Dieser Gedichtsband enthält Gedichte und kleine Prosatexte von Johann Wolfgang von Goethe, in welchen er Blumen, Bäume und Pflanzen, die Natur, die Jahreszeiten und einen Schmetterling zum Anlass nimmt, Gedanken in Sätze zu transformieren, die von schönen Fotos begleitet werden. Die Bilder zeigen u.a. einen Ast mit Ginkgoblättern, Maiglöcken, ein Veilchen, Rosen, Schlüsselblumen, ein Seerosenteich und andere Pflanzenmotive mehr.

Goethe sagt an einer Stelle, dass die Pflanze eigensinnigen Menschen gleiche, von denen man alles erhalten könne, wenn man sie ihrer Art nach beurteile. Ein guter Vergleich. In seinen Lebenserinnerungen hält er fest:"So können und Kräuter und Blumen der gemeinsten Art ein liebes Tagebuch bilden, weil nichts, was die Erinnerung eines glücklichen Momentes zurückruft, unbedeutend sein kann; und noch jetzt würde es mir schwer fallen, manches der gleichen, was mir aus verschiedenen Epochen übrig geblieben, als wertlos zu vertilgen, weil es mich unmittelbar in jene Zeiten versetzt, deren ich mich zwar mit Wehmut, doch nicht ungern erinnere."

Diese Sentenz erklärt, weshalb Goethe immer wieder Blumen in seine Verse einbindet. Das Gedicht "Die Metamorphose der Pflanze" kannte ich bislang noch nicht. Es ist m.E. eines der schönsten in diesem Bändchen, in dem natürlich "Gefunden" und Gingko Biloba" keineswegs fehlen.
Man erfährt, dass Goethe ein Rosenfreund war und hat die Gelegenheit in seinem Gedicht "Als Allerschönste bist du anerkannt.." zu lesen, wie sehr er die Rosen liebte.

Mein Lieblingsgedicht findet sich auf Seite 13 im Buch. Es gefällt mir deshalb, weil Goethe hier seine euphorische Liebe in berührender Weise zum Ausdruck bringt. Ich vermute Charlotte von Stein hat die Blumen nebst dem schönen Gedicht von ihm erhalten. Gewiss war sie zu Tränen gerührt.

Blumenstrauß

Der Strauß, den ich gepflücket,
Grüße Dich vieltausendmal!
Ich hab mich oft gebücket,
Ach, wohl eintausendmal,
Und ihn ans Herz gedrücket
Wie hunderttausendmal!
(Johann Wolfgang von Goethe)


Ein sehr schönes Büchlein.

Rezension: nocturne in E (Gebundene Ausgabe)

Dieses Büchlein enthält sehr nachdenkliche Gedichte des Lyrikers Reiner Kunze und farblich schöne Aquarelle des schwäbischen Malers Andreas Felger. Vom Frühwerk bis zu jüngsten Veröffentlichungen werden dem Leser Gedichte Kunzes entgegen gebracht. Die Aquarelle Felgers wurden zwischen 1996-2000 realisiert.

Sowohl die Gedichte als auch die Aquarelle haben die Musik zum Motiv. Felger verzichtet auf eine Nachahmung musikalischer Assoziationen, erfährt man im Vorwort. Kleine Dreieicke, Rechtecke und Kreise stellen die Töne dar. Sie schöpfen das gesamte Farbspektrum aus, lässt uns Kohler eingangs wissen und wagen Kontrast und gar Spannung. Das ist wohl wahr. Aus einer Grundfarbe entwickelten Fläche leuchten die bunten Töne keck hervor.

Die Verse habe ich gerne gelesen. Von Festen und Musik ist dort die Rede. Ein sehr kurzes Gedicht trägt die Überschrift "Ermutigung nach 200 Jahren"- Auf dem Heimweg von einem Orgelkonzert-. Kunze schreibt alle Wörter in den Versen klein, bis auf Eigennamen, wie Bach und Mozart und Chopin.

Ich erlaube mir das Gedicht "Nocturne in E" hier zu zitieren, weil es zum Nachdenken anregt:

Bei meinem weißen haar

und beim weiß in deinem:

Die zeit ist schon zu kurz

den mut zu verlieren

und das nichts musst du nicht fürchten

Und bis dahin

reicht den kleinen finger uns

Chopin.


Schöner kann man Chopin nicht huldigen.


Rezension:Mitten ins Licht: Gedichte und Aquarelle (Gebundene Ausgabe)

Dieses wundervolle Buch enthält 13 Abbildungen von Aquarellen des Künstlers Eberhard Münch. Diese Aquarelle befassen sich ebenso mit dem Thema "Licht", wie die ausgewählten Gedichte von Eva Strittmacher, Hilde Domin, Angelus Silesius, Ingeborg Bachmann, Hermann Hesse, Angela Hoffmann, John Henry Newmann, Doris Runge, Rudolf G. Binding, Andreas Gryphius, Johann Bobrowski, Paul Celan, Clemens Brentano, Josef Eger, Ernst Meister, Urs Martin Strub, Helena Janeczek, Rainer Maria Rilke, Volker von Törne, Alexander Puschkin, Oskar Loerke, René Char, Ludwig Uhland, Conrad Ferdinand Meyer, Marie Luise Kaschnitz, Rainer Kunze, Karl Kraus, Hans Carossa, Max Dauthendey, Manfred Hausmann, Rose Ausländer, Richard Dehmel, Günter Eich, Kurt Marti, Angnes Miegel und Karl Krolow.

Ausgewählt wurden die Gedichte von dem Publizisten Wilfrid Lutz, der auch das Vorwort geschrieben hat.


In diesem Vorwort befasst er sich mit dem Licht, das ja weitaus mehr ist als ein nur naturwissenschaftliches Phänomen. Lutz hält fest, dass das Licht als wesenhaftes Grundelement des Kosmos in seiner Hindeutung auf das Immaterielle, Göttliche und Transzendente eines der zentralen spirituellen und religiösen Ursymbole der Menschheit ist und als solches die reinste Verkörperung des Heilbringenden, Guten und des Lebens selbst darstellt.


Weiter erläutert Lutz, dass mit der allgemeinen Vorstellung, dass jedes menschliche Erkennen ein Erleuchtetwerden vom Licht der ewigen Idee sei, der Licht-Begriff zum ersten Mal dann in der griechischen Philosophie auch eine erkenntnistheoretische und ethische Dimension bekommen habe.


In der Folge erwähnt Lutz auch den christlichen Kirchenlehrer Aurelius Augustus (354-430 n. Chr.) Dieser lässt uns in seiner Illuminationstheorie wissen, dass vollkommene spirituelle Erkenntnis über die rationale Verstandeskraft hinaus erst noch die inspirative Erleuchtung durch ein höheres, göttlich-geistiges Licht erforderlich macht, ohne das der Mensch nicht zur Schau der letzten, absoluten Wahrheiten gelangen kann (vgl. S. 7).


Lutz skizziert die Lichtbetrachtungen der mittelalterlichen Mystiker und der Barockdichter, vergisst auch den Klassiker Goethe nicht, der sich in seinen naturwissenschaftlichen Schriften mit dem Phänomen des Lichtes auseinandersetzte, aber er erwähnt auch die lyrische Gestaltung der christlich-religiösen Lichtmetaphorik in der deutschen Romantik.


Obschon aufgrund der modernen Wissenschaft das Phänomen des Lichtes weitgehend entzaubert ist, sind die Lyriker noch immer von der ursprünglichen Symbolkraft des Lichtes überzeugt, wie einige der vorliegenden Gedichte deutlich machen.


Die Bilder Eberhard Münchs, der einst in Nürnberg an der Akademie der Bildenen Künste sein Studium absolviert hat, überzeugen durch Ihre Strahlkraft. Er lässt Blau- Gelb- Grün- und Rottöne ineinander fließen und schafft es auf subtile Art die Sogwirkung des Lichtes zu visualisieren. Der Betrachter fühlt sich magisch angezogen, möchte sich dem Licht immer mehr nähern und auf diese Weise mit den Bildern oder genauer mit dem Licht verschmelzen.




Rezension:der tiger am gelben fluss- Sylvia B.

Sylvia und ich sind seit acht Monaten sehr gut befreundet. Das jedoch hat nicht zur Folge, dass ich ihr Gefälligkeitsrezensionen schreibe. Das Gegenteil ist der Fall. Von allen Texten, die sie bislang geschrieben hat, mag ich den hier vorliegenden Lyrikband am liebsten, weil hier besonders deutlich sichtbar wird, dass sie einen Gedanken oder eine Geschichte in wenige eindringliche Sätze zu komprimieren in der Lage ist. Das ist gewiss nicht einfach.

Die Gedichte bezeichnet sie als lyrische Prosatexte. Sylvias hochintellektuelle Begabung macht es möglich, bemerkenswert minimalistisch in ihrem Schreibhandwerk vorzugehen. In diesem Punkt erstaunt sie mich immer wieder. Nichts wirkt gekünstelt. Sylvia spricht wie sie schreibt und sie tut es nicht selten mit einem geradezu atemberaubenden Tempo.


Der Lyrikband enthält viele hübsche Illustrationen der münsterländer Künstlerin. Das Bild, das ein geöffnetes Eingangstor zum Motiv hat, mag ich besonders, weil es einen Blick ins Innenleben Sylvias zulässt. Trotz vieler schmerzlicher Erfahrungen dieser alten Seele, blühen in ihrem Seelengarten farbenprächtige Blumen. Ob es Rosen oder Bougainvilliablüten sind, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen.

Sylvias Gedichte sind immer sehr nachdenklich, spiegeln nicht selten ihre Erfahrungen wieder, setzen sich mit ihren Gefühlen auseinander und zeigen, dass sie eine der Erotik nicht abgeneigte, disziplinierte Kämpferin ist.

In meinen Musikblog habe ich ihr Gedicht eingebunden, in dem sie ihr ganzes Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringt. Es ist das Selbstbewusstsein einer Seiltänzerin, das sie in ihrem subtilen Sinn für Erotik am Rande eines glühenden Vulkans auslebt.


In einigen Gedichten brilliert die Lyrikerin mit Wortwitz, in anderen mit antiken Anleihen. Das Gedicht von Pyrrhus können Sie hier in meinem Gedichtsblog, und jenes von Psyche im Gedankenblog nachlesen.

Wie in jedem Gedichtsband gibt es stärkere und wenige starke Texte. Bei Sylvia überwiegen die stärkeren Texte. Zwei ihrer wunderschönen Liebesgedichte finden sie ebenfalls auf meinen Blogs.

Ein weiteres Gedicht möchte ich jetzt vorstellen. Das Gefühl, das Sylvia hier in Worte gießt, werden viele Leser kennen. Dass es immer einen Ausweg aus diesem unerquicklichen Gefühl gibt, weiß Sylvia sehr wohl und spielt während sie schreibt mit dem richtigen Gedanken, den umzusetzten ich jedem empfehlen möchte, der nicht länger unzufriedenes Königskind bleiben möchte.

als wir zusammen standen
und über
belanglose dinge sprachen
dachte ich bei mir
so müssen sich
die königskinder
gefühlt haben

die nicht zueinander
finden konnten

beide
standen am ufer
sahen sich traurig an
dazwischen
der tiefe fluss

Du bist auch
so weit entfernt von mir

und

zwischen uns
der fluss der belanglosen wörter


vielleicht
sollte ich

endlich

eine brücke
für uns bauen

Sehr empfehlenswert nicht nur für Freunde guter Lyrik.


PS: Klicken Sie hier zu Sylvia B.s Illustrationen


Rezension: Farbwunder (Gebundene Ausgabe)

Warum sinken
die Blüten nieder,
da doch die schimmernde Erde
sich mit dem Duft
des Himmels eint?
(Ki no Tomonori)

Dieser Kunstband ist dem immerwährenden Farbwunder des Frühlings gewidmet. Der 1935 auf der Schwäbischen Alb geborene Künstler Andreas Felger wartet im Buch mit Abbildungen einer Sammlung von Aquarellen auf, die wunderschöne Alb- und Bodensee-Impressionen in verschiedenen Stadien des Frühlings zeigen. Mediterrane Farben, unendlich viele Blau- und Grüntöne begeistern mich ebenso, wie die unzähligen Blumen und blühenden Bäume, die der Künstler mit kräftigen Pinselstrichen auf die Leinwand gebannt hat.

Nach einem Geleitwort von Rüdiger Görner darf man sich nicht nur der Frühlings-Motive Felgers erfreuen, sondern auch vieler Frühlingsgedichte und kleiner Prosatexte von Reinhold Schneider, Wolf Biermann, Hermann Hesse, Reiner Kunze, Richard Demel, Rainer Maria Rilke, Georg Britting, Robert Walser, Karl Krolow, Ingeborg Bachmann, Gisbert Kranz, Jochen Klepper, Günter Eich, Rose Ausländer, Jan Skácel, Else Lasker Schüler, Marie Luise Kaschnitz, Chaim Noll, Matsu Basho, Albrecht Goes, George Sand, Chigetsu, Otomo no Kuronushi, Rudolf Otto Wiemer, Mutsuhito, Elisabeth von Arnim, Hugo von Hofmannsthal, Cordilia Edvardson, Pablo Neruda, Henry von Heiseler, Johannes Bobrowski, Hans Magnus Enzensberger und anderen mehr.

Neben der Liebe, scheint der Frühling am meisten zur Poesie anzuregen. Das erste Grün, die Sonne, die Blumen, die Farbenpracht werden in besonders vielen Texten thematisiert. Ein zauberhaftes Bild mit Kirschblütenmotiv wird von einem Gedicht Chigetsus begleitet: "Wenn ihr nicht wäret,/lichtdurchschienene Kirschblüten,/warum sollte ich noch leben?/

Ich kannte bislang keine Gedichte von Asiaten, aber es sind gerade deren höchst sensible Betrachtungen, mit denen ich mich am intensivsten anfreunden kann. Diese Gedichte sind immer sehr kurz, doch dafür ungeheuer aussagekräftig: Wenn der Blütenschimmer/der Kirschbäume auf den Hügeln/ länger währte/als ein paar Tage,/ wie würden ihn so innig nicht lieben /(Yamabe no Akahito).

Das Buch ist ein Traum.

Rezension:Lied der Liebe (Gebundene Ausgabe)

Derzeit befasse ich mich intensiv mit den Arbeiten des Künstlers Andreas Felger, in dessen Farb- und Formgebung ich mich vor wenigen Wochen spontan verliebt habe. Der 1935 auf der Schwäbischen Alb geborene Maler begeistert mich seiner mediterranen Farbgebung wegen und seiner Liebe zur Poesie, von der er sich immer wieder bei der Auswahl seiner Motive anregen lässt.

Im vorliegenden Buch sind eine Reihe wunderschöner Aquarelle- meditative Abstraktionen- von ihm abgelichtet, die eine freie assoziative Nähe zum Hohelied von Salomon herstellen. Das Hohelied liegt hier in einer Übersetzung des Österreichers Josef Dirnbeck vor. Es handelt sich dabei um die beste Übersetzung, die bisher kennen gelernt habe. Dirnbeck hat es geschafft, die Verse so zu übersetzen, dass man den poetischen Anspruch Salomons und seinen Sinn für subtile Erotik mehr als nur zu erahnen vermag.

"Salomons Sammlung der Lieder der Liebe" ist sehr schön untergliedert. Oliver Kohler nennt in seinem Vorwort die Sprachbilder zu Recht "Perlen einer Kette". Weil die Liebe nicht nur den Raum der Wörter bewohnt, sondern auch jenseits der Sprache in Stimmungen gestaltet, sind die Aquarelle zum Hohelied genau in dieser Sphäre angesiedelt (vgl.: S. 8). Das Hohelied selbst hat bis heute eine nachhaltige Wirkung auf die Geistesgeschichte und die Kunst. So haben viele jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache Fragmente des Hohenliedes eingewoben (vgl.: S. 9). Kohler verweist auf Verse von Cordelia Edvardson, Erich Fried und Paul Celan.

Die Lieder sind ein wundervoller Dialog zwischen zwei Liebenden, die sich in ihren Gefühlen vollkommen spiegeln.
Sehr berührend sind die nicht zuletzt folgende Verszeilen aus dem "Lied des Gartens":

"ER: ....
Du bist die Quelle im Garten
der Brunnen lebendigen Wassers
mit Wasser vom Libanon.

Sie:
"Nordwind und Südwind
fächelt den Balsamduft
in meinen Garten.

Komm nun, mein Freund,
dein Garten ruft dich;
Komm nun und iss
von den köstlichen Früchten!"

Das ist Gleichklang, aber auch subtile Verführung, die in einer lobenswert, poetischen Sprache dargebracht werden.

Auf meinem Rezensionsblog finden Sie unter der Rezension noch eine weitere Textstelle, die Felger nicht grundlos in ein vollständig rotes Aquarell umgesetzt hat.

Rezension: Lieber Engel ich bin ganz dein: Goethes schönste an Frauen

Goethes Briefwerk stellt ein Teil seines Schaffens dar. Nahezu 14000 Briefe haben sich erhalten. Die meisten, die er Frauen schrieb, sind verloren gegangen bzw. vernichtet worden. Angelika Maas zu Folge ist nichts erhalten geblieben von dem, was Goethe nach den Studienjahren in Leipzig seiner Schwester Cornelia geschrieben hat. Nicht mehr existent sind die Briefe an die geliebte Freundin in Sesenheim, Friederike Brion, die Briefe und Zettelchen an seine schöne. Das Taschenbuch stellt die einzelnen Damen im Rahmen von Kurzbiographien vor und zeigt in welcher Beziehung sie zu Goethe gestanden haben.

Zu lesen sind u.a. Briefe an seine Mutter und an seine Schwester, auch solche an die Schriftstellerinnen Sophie von La Roche und Bettina Brentano, sowie wenige Zeilen, die er an seine Jugendlieben Käthchen Schönkopf, Friederike Brion und Lili Schönemann verfasste, der er 1807 schrieb, dass er in Erinnerung an jene Tage, "die ich unter die glücklichsten meines Lebens zähle", tausendmal ihre Hand küsse.

Briefe an Caroline Herder, Charlotte von Schiller, Marianne von Willemer auch jene an seine Schwiegertochter Ottilie von Goethe zeichnen sich durch eine hohe intellektuelle Akzeptanz aus, die er seiner Ehefrau Christiane von Goethe nicht zubilligt. Hier steigt der Gott aus Weimar vom geistigen Olymp herab und wird ganz Mensch. Liebevoll wendet er sich an Christiane, die zwar Mutter seiner Kinder, aber schließlich doch nur sein bloßer Bettschatz bleibt. Das liest sich, wie folgt."...du weißt, das ich dich herzlich lieb habe. Wärst du nur jetzt bei mir! Was sind überall große breite Betten und du solltest dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! Mein Liebchen! Es ist nichts besser als beisammen zu sein."

Ganz anders jedoch lesen sich die Briefe an Goethes Herzen-Du Charlotte von Stein: "Du wirst geliebt wie du es wünschst, und ich kann allein in dir finden, was ich mein ganzes Herz durchgewünscht habe, das wirst du recht lebendig an der Erzählung vernehmen, die ich dir von dieser Reise mache..." "...meine Seele ist fest an die deine angewachsen, ich mag keine Worte machen, du weißt dass ich dir unzertrennlich bin und dass weder hohes noch tiefes mich zu scheiden vermag."

"Sag mir, wie du dich befindest und ob du mit mir einig bist. Es thut mir nichts weher als wenn wir uns einen Augenblick missverstehen, als wenn mein Wesen an deines falsch anschlägt, mit oder ohne meine Schuld." Sechs Jahre vor seinem Tod schreibt er Charlotte "Neigung aber und Liebe unmittelbar nachbarlich- angeschlossener Lebender, durch so viele Zeiten sich erhalten zu sehen, ist das Allerhöchste, was dem Menschen gewährt sein kann."

Sehr zu empfehlen!


Rezension: Aus der Kölner Bucht: Gedichte (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)

Der Lyriker Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren. Die Gedichte des vorliegenden Büchleins hat Becker in den letzten vier Jahrzehnten verfasst. Wie Becker im Vorwort erwähnt, kommen in den meisten Versen Namen von Gegenden und Orten vor, die in der Kölner Bucht oder an deren Rändern liegen. Diese so genannte Kölner Bucht erstreckt sich um Köln herum, zwischen Bonn, Leverkusen und gewiss auch noch Düsseldorf, so der Dichter. Becker unterstreicht, dass in den Gedichten des vorliegenden Bandes die Kölner Bucht "mit spricht", indem ihr Monströses, ihre beschädigte Schönheit, ihr Reichtum an Widersprüchen, an Bildern und gleichbleibenden Geräuschen, eine nicht nachlassende Faszination zu Wort kommen (vgl.: S. 10).

Die Gedichte sind von sehr unterschiedlicher Länge und haben nicht selten etwas Bedrückendes. Die beschädigte Schönheit erahnt man besonders in dem kleinen Gedicht "Gegend mit Stadtautobahn": "damals, die Amsel in der Machabäerstraße/ morgens um fünf, und/ die lebendigen Ruinen der Altstadt,/ein Regen, grau wie der Mai jetzt/"

Die Titel der Gedichte lassen bereits erahnen, worum es geht: "Am Strand von Rodenkirchen", "Der März in der Luft des Hochhauses", "Autobahnring", "Zeitzeugen" und dergleichen mehr.

Mir hat ein Vierzeiler sehr gut gefallen, der etwas über den Sinn von Ritualen und über Vergänglichkeit aussagt.

Sommer, siebziger Jahre

Die Pflaumen hängen noch fest
und die alte Frau geht
ins Haus zurück, wo sie das Bild,
August 44, des Sohnes zurechtrückt.
(Jürgen Becker)

Was geschah im Sommer 44? War dieser Sohn ein Nazi? Ein Soldat, der im Krieg fiel? Ein Widerstandskämpfer, den man im Sommer 44 hinrichtete? Ein Jude, der in Ausschwitz vergast wurde? Warum denkt man sofort, dass der Sohn nicht mehr lebt? Weil das Gedicht keinen anderen Schluss zulässt? Anfang August hängen die Pflaumen noch fest. Die alte Frau erinnert sich an den Sommer 44 als ihr Sohn noch lebt.... Das Zurechtrücken des Bildes ist ein Versuch, etwas gerade zu rücken, was in die Schieflage kam. Die Mutter kann nicht helfen, auch wenn sie jedes Jahr, wenn die Pflaumen noch nicht fallen wollen, das Ritual wiederholt.

Rezension:Sehnsucht nach der Sehnsucht: Die schönsten Liebesgedichte (Broschiert)

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890- 1937) wurde 1933 aus Deutschland ausgebürgert. Er war Zeitkritiker in Vers und Prosa von großer Treffsicherheit und Ironie, vertrat einen linksgerichteten pazifistischen Humanismus, schrieb auch heitere melancholische Liebesgeschichten und - das ist weniger bekannt - viele sehr, schöne Liebesgedichte.

Im Nachwort von Jan Sidney erfährt man, dass die Frau, um die er lange kämpfte, Mary Gold hieß. Sie war die Tochter eines verarmten Buchhalters in Riga. 1917 lernt er sie kennen. Er hoffte auf eine leichte Eroberung, aber es kam ganz anders. Tucholsky war zu diesem Zeitpunkt verlobt und hatte zahlreiche Affären mit anderen Frauen. Mary verliebt sich in ihn, ist aber distanziert. Das lässt Tucholsky entflammen. Er ist verrückt nach der intelligenten Blondine mit der dunklen Stimme. Er fühlt sich angezogen von der Mischung aus Zurückhaltung, Temperament, Weiblichkeit und Mädchenhaftigkeit. Jane Sidny unterstreicht, dass Tucholsky Frauen eigentlich nicht ernst nimmt und sie intellektuell den Männern als unterlegen betrachtet, ganz Kind seiner Zeit.

Mary verwirrt ihn. Er schickt ihr in zwei Jahren Hunderte von Liebesbriefen, die zu den schönsten der deutschen Literatur zählen, dennoch wird die Beziehung zunächst nicht in einer Ehe enden. Er heiratet 1920 seine langjährige Freundin Else, eine Ärztin. Diese Ehe hält nur vier Jahre. Schon einige Monate nach der Hochzeit schickt er Mary erneut glühende Liebesbriefe.

Unmittelbar nach seiner Scheidung dann heiratet er Mary. Das Glück der beiden dauert nur einige Jahre. Eine andere Frau wird sein Interesse gewinnen und dieser wird eine weitere folgen. Was bleibt ist bis zum Schluss die Sehnsucht nach Mary. 1933 hat er die Ehe mit ihr beendet, um sie vor den Nationalsozialisten zu schützen. 1935 notiert er kurz bevor er Gift nimmt: "Ich habe nur eine Frau in meinem Leben geliebt, und werde mir nie verzeihen, was ich ihr angetan habe."

Die vorliegenden Liebesgedichte, im Besonderen jene, die an Mary gerichtet sind, zeigen viele Facetten des Frauenverführers. Aus den nachstehenden Versen spricht der hoffende Liebende : Jeder ist so vom andern durch Weiten getrennt/ dass er nicht weiß, wo es lodert und flammt und brennt./ Wir sind allein .-/ Selten springt ein Funke von Blut zu Blut,/ bringt zur Entfaltung, was sonst in der Stille/Wir sind allein .-/ Aber einmal- kann es auch anders sein-/Einmal gib dich,- und , siehst du, dann wird aus zwein: Wir beide- / Und keiner ist mehr allein. -/

Andere Gedichte sind frech, ironisch, drastisch, manche aber auch leise, andere gefühlvoll oder gar melancholisch.

Den Gedichtband werde ich mit 5 Sternen bewerten, weil die Gedichte eine Poesie entfalten, wie ich sie selten bei einem Lyriker gelesen habe.

Inhaltlich hat mich nachstehendes Gedicht freilich nicht begeistert, unter lyrischen Aspekten jedoch ist es meisterlich.

Frauen von Freunden
Frauen von Freunden zerstören die Freundschaft.
Schüchtern erst besetzen sie einen Teil des Freundes,
nisten sich in ihm ein,
warten,
beobachten,
und nehmen scheinbar Teil am Freundesbund.
Dies Stück des Freundes hat uns nie gehört -
wir merken nichts.
Aber bald ändert sich das:
Sie besetzen einen Hausflügel nach dem andern,
dringen tiefer ein,
haben bald den ganzen Freund.
Der ist verändert; es ist, als schäme er sich seiner Freundschaft.
So, wie er sich früher der Liebe vor uns geschämt hat,
schämt er sich jetzt der Freundschaft vor ihr.
Er gehört uns nicht mehr.
Sie steht nicht zwischen uns - sie hat ihn weggezogen.
Er ist nicht mehr unser Freund:
er ist ihr Mann.
Eine leise Verletzlichkeit bleibt übrig.
Traurig blicken wir ihm nach.
Die im Bett behält immer recht.
( Tucholsky)


Ist das so, meine Herren?

Rezension:Herbst. Goldenes Gleichnis (Gebundene Ausgabe)

Der 1935 geborene Maler, der einst sein Studium an der Akademie für bildende Künste in München absolvierte und von dem ich bislang in erster Linie Aquarelle in stahlenden mediterranen Farben bewundert habe, zeigt in diesem Buch seine Herbstimpressionen, die blaue, orangefarbene, dunkelgrüne, weinrote aber auch braune Farbtöne in den Vordergrund stellen. Seine Impressionen sind abstrakt. Die Bilder und Texte sind in nachstehende Kapitel untergliedert:


Der Anfang der kühlen Tage

Fallt ihr Blätter

Schön die Scheune

Aber der Mensch

Nebelmorgen

Zeit des Abschieds

Im schwarzen Grün

Wie alles sich verwandelt

Die Gedichte und die Prosatexte stammen aus der Feder von: Hermann Hesse, Richard Exner, Theodor Storm, Kyoshi, Rudolf-Alexander Schröder, jan Skácel, Gerold Spät, Rainer Maria Rilke, Ingeborg bachmann, Günther Kunert, Johann Ludwig Huber, Jacques Lusseyran, Cordelia Edvardson, Johann heinrich Voss, Reinhold Schneider, Hilde Domin, Manfred Hausmann, Karl Krolow, Paul Celan, Stefan Zweig und vielen anderen.


Besonders begeistert haben mich Felgers Bodensee-Impressionen, der Nebel dort, weit mehr als die fallenden Blätter übrigens. Schön bei diesem Künstler ist, dass selbst der Herbst nicht in grauen Farbtönen daher kommt. Felger schafft es, wenn auch in gedeckterer Form als im Frühling mediterran malen. Für ihn ist das Licht immer der zentrale Moment. Das finde ich wunderbar.

Rezension:Liebesgedichte Achmatowa

Die russische Lyrikerin Anna Achmatowa (23.6.1889- 5.3.1966) gilt als die wichtigste Vertreterin der Akmeisten, deren Stil von zarter Empfindung und lakonisch knapper, scheinbar distanzierter Darstellung geprägt ist. 1911 präsentierte sie im Salon von Wjatschelaw Iwanow in Petersburg erstmals einem größeren Kreis ihre Gedichte und erntete dafür Anerkennung. Achmatowas erster Lyrikband "Der Abend" war recht schnell ausverkauft.

Gemeinsam mit Gumiljow, Ossip Mandelstam, Michail Senkewitsch und Wladimir Narbut begründete sie die Richtung des Akmeismus. Beabsichtigt wurde, sich von der ornamentalen Fülle des Symbolismus zu lösen und sich einer strengeren, reineren Lyrik zu verschreiben. In ihrer frühen Lyrik erzählen ihre Gedichte häufig kurze Geschichten. Lyrisiert werden nicht selten Liebeskummer und Eifersucht. Oftmals stellt sie Fragen, geht Rätseln nach oder klagt das Schicksal an.


Achmatowa begründet ihren frühen Ruhm damit, dass sie sich in verschiedene Figuren hineindenkt. Später wird es ihr gelingen sich in die Rolle des "Gedächtnisses Russlands" hineinzudichten. Als sie sich nach ihrer gescheitertern Ehe 1915 in den Offizier Boris Anrep verliebt, widmet sie diesem zahlreiche Liebesgedichte, die unter dem Leitmotiv "Trennung" stehen.


Zwischen 1922 und 1940 erscheinen nur wenige Gedichte von der Lyrikerin. In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens ändert sie die Thematik. Nun steht nicht mehr die Liebe, sondern, wie eingangs bereits erwähnt, die Erinnerung an die Vergangenheit im Vordergrund. Die russische Revolution führte dazu, dass der schönere Teil von Annas Leben beendet wurde. Von da an war ihre Wohnsituation stets instabil. Eine Zeitlang lebte sie im Haus ihrer Freundin Nadesha Mandelstam, der Frau des Dichters Ossip Mandelstam.


Im Oktober 1945 lernte sie den britischen Diplomaten Sir Isaiah Berlin in Leningrad kennen. Die Liebesgedichte, die sie ihm widmete, zählen zu dem Schönsten, was Lyrik überhaupt leisten kann. Aufgrund dieser Beziehung wurde die Dichterin von Stalin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Dadurch verlor Achmatowa ihre Arbeitsmöglichkeit. Fünf Jahre nach Stalin Tod erstrahlte allerdings ihr Stern abermals. Nun konnte sie internationale Ehrungen entgegennehmen. 1964 wurde sie mit dem Ätna-Taormina-Preis in Italien ausgezeichnet.
1965 erhielt sie die Ehrendoktorwürde in Oxford.

Um einen Eindruck vom lyrischen Können Anna Achmatowas zu vermitteln, habe ich folgendes Gedicht ausgewählt:

Cinque

"Autant que toi sans doute il te sera fidele
Et constant jusques a la mort."
Charles Baudelaire

Wie am Rande der Wolke dort,
denk ich immer noch an dein Wort,

und mein Wort hat dir die Nacht,
zum leuchtenden Tag gemacht.

Wir standen der Erde so fern,
als wär jeder von uns ein Stern.

Nicht schüchtern und nicht entsetzt,
weder damals, noch später, noch jetzt.

Aber liehst du mir auch dein Ohr,
als ich dich - noch lebend- beschwor?

Und ich schlage die Tür, die du
aufgerissen, wohl niemals zu.
(1945)

Das ist Achmatowa, die in einem ihrer Verse ihrem britischen Geliebten sehnsuchtsvoll folgenden traurigen Zeilen schreibt: Reich mir lieber deine beiden Hände,/schwöre, dass du mir im Traum erscheinst./ Denn wir sind zwei stumme Bergspitzen.../ und ein Treffen ist uns nicht vergönnt./ Wenn mir nächtens durch das Sternenblitzen/ doch ein Gruß von dir erstrahlen könnt.

Empfehlenswert.

Rezension: Die schoensten Liebesbriefe deutscher Musiker

In Liebesbriefen erschließt sich die Art der Persönlichkeit und Empfindungsfähigkeit einer historischen Figur am besten. Besonders interessant ist es Liebesbriefe von Musikern zu lesen, deren Kompositionen Ausdruck ihrer Seele, Ausdruck des Gefühls sind. Die im Buch enthaltenen Texte stammen von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Albert Lorzing, Clara Wieck und Robert Schumann, Franz Liszt, Richard Wagner, Anton Bruckner, Johannes Brahms, Johann Strauss( Sohn) Gustav Mahler und Max Reger. Den ausgewählten Liebesbriefen der Komponisten sind Texte vorangestellt, die die Beziehungen zu den Empfängerinnen der Briefe kurz erklären.


Sehr berührt haben mich die Liebesbriefe, die Mozart an seine Frau Konstanze schrieb. Der Tenor dieser Briefe ist sehr positiv, fröhlich und unglaublich unverkrampft. "Liebstes, bestes Weibchen. Liebstes Weibchen, hätte ich doch auch schon einen Brief von Dir!........ Grüß Dich Stanzerl! Grüß Dich Gott, Spitzbub - Krallerballer - Spitzignas - Bagateller l - schluck und druck......Nun glaube ich so ziemlich viel Dummes (für die Welt wenigstens) hingeschrieben zu haben, für uns aber, die wir uns so innig lieben, ist es gerade nicht dumm.......liebe mich ewig so wie ich Dich, ich küsse Dich millionen Mal auf das zärtlichste und ewig, Dein Dich zärtlich liebender Gatte W.A. Mozart."


Ich habe bewusst aus diesem reizenden Brief zitiert, weil er viel über das Wesen dieses Mannes aussagt, der uns allen seine wundervolle Musik geschenkt hat. Die Zeilen an seine Frau sind auch Musik, Musik in den Ohren seines Stanzerl, die sich geliebt weiß von einem Mann, der sich völlig in seinen Liebesbriefen zurücknimmt und rührend auf seine Frau eingeht."...Sei nicht melancholisch, ich bitte Dich!.....sobald mein Geschäft zu Ende ist, so bin ich bei Dir, denn ich habe mir vorgenommen in Deinen Armen auszuruhen... Deine Gegenwart- ich meine, ich kann es nicht erwarten.....Wenn Du was brauchst, Stanzerl, so schreib es mir aufrichtig, und ich werde gewiss mit wahren Vergnügen in allem zu contentionieren suchen meine Stanzi Marini".

Mozart schreibt so hell, so offen und selbstlos wie seine Musik sich dem Zuhörer offenbart. Dieser großartige Mensch machte sich seiner Frau und der Welt zum Geschenk. Wagner tat dies nicht. Seine Briefe, die er an Minna Planer und Mathilde Wesendonk schreibt, zeigen den Egomanen, der mit selbstbezogenem Wortschwall Frauen von heute gewiss verschrecken würde. Anödend. Dieser Mann war liebesunfähig, eitel und unerträglich wie seine Musik in meinen Ohren. Noch nicht mal charmant konnte Wagner sein.


Ein Charmeur allerdings war Franz Liszt, der ein Frauenheld gewesen sein soll, was ich mir gut vorstellen kann. "Ich fühle ein unwiderstehliches Verlangen nach Ihnen....Ich liebe sie tief, aber ich kann Ihnen das nicht so sagen, wie sie das gern möchten. Warum fordern Sie auch von mir, dass ich Ihnen meine Seele übersetze und in schöne Sätze zerlege? Kann ich das tun?" fragt er fragt er 1836 Marie d` Agoult. 1851 endet ein Brief an Carolyne von Sayn-Wittgenstein mit den Worten "Nehmen wir mit dem Bewusstsein unserer Bestimmung die Leiden des Schicksals hin. Sie werden immer nur von kurzer Dauer sein. Vergessen wir nicht, dass unser Weg und unser Ziel die Liebe ist,- die Liebe, die alle Lasten leicht tragen lässt, denn sie entströmt unaufhörlich den Quellen der ewigen Lichts." Liszt war ein Mann, wie sich ihn intellektuelle Frauen mit Herzensbildung wünschen, gedanklich tiefgehend, feinfühlig, nicht schwermütig und charmant.


Aber lesen Sie bitte selbst, vielleicht favorisieren Sie ja eher Strauß als Briefschreiber, der Adele Strauß zu Ende seines Briefes wissen lässt "Es sendet Dir die herzlichsten Umarmungen in Unzahl Dein wonnetrunkener Jean."

Rezension:Liebesbriefe großer Frauen: Nimm meine Seele und trinke sie (Gebundene Ausgabe)

Dr. Sabine Anders und Katharina Maier haben im Sommer letzten Jahres "Liebesbriefe großer Männer" herausgegeben. Diese habe ich damals mit viel Interesse gelesen und auch rezensiert. Nun ist das Pendant zu besagtem Buch erschienen. Unter großen Frauen verstehen die Herausgeberinnen berühmte Persönlichkeiten aus der Politik, der Philosophie, der Literatur, der Kunst, der Musik, aber auch solche Frauen, die mit einer bedeutenden Persönlichkeit verheiratet waren, offenbar getreu dem Gedanken - Hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau -.
Man kann anhand der Briefe nachvollziehen, wie über die Jahrhunderte Frauen liebten, begehrten, sich verzehrten, an den Männern zu verzweifeln drohten, nicht selten entsagen mussten, aber auch oft Erfüllung fanden, so jedenfalls das Resümee von Anders und Maier. Auch diesmal interessiert mich, worin sich die verbalen Gefühlsäußerungen der einzelnen Schreiberinnen unterscheiden, weil ich wiederum neugierig bin Temperamentsunterschiede zu erspüren und erfühlen möchte, ob man sprachlich nachvollziehen kann, ob es wirklich Liebe oder nur Liebelei ist, die die jeweilige Verliebte zu ihrem Tun antreibt.

Eine kurze Beschreibung der jeweiligen Liebesbeziehung der einzelnen Briefverfasserinnen wird gegeben, bevor dann stets die Briefe folgen.

Es ist unmöglich innerhalb der Rezension alle Schreiberinnen in Buch zu nennen, Heloisa, Katharina von Aragon, Ninon de Lenclos, Angelika Kaufmann, Marie Antoinette, Mary Wollstonecraft, Caroline Schlegel/Schelling, Christiane Vulpius, Rahel Levin, Luise von Mecklenburg - Strelitz, Karoline von Günderrode, George Sand, Clara Wieck/Schumann, Edith Wharton und Rosa Luxembourg gehören dazu.

Am meisten berührte mich der Liebesbrief von Katharina von Aragon (1485-1536) an ihren Gatten König Heinrich VIII, der sie vom Hofe verbannte, um Anne Boleyn zu heiraten. Katharina, Tochter der spanischen Könige Ferdinand und Isabella, betrachtete sich bis zu ihrem Tode als die rechtmäßige Ehefrau Heinrichs VIII, den sie innig geliebt haben muss, wie der Brief deutlich macht.

Am Ende Ihres Briefes schreibt sie aus der Verbannung : "Ich schließe und versichere Euch, dass ich Euch noch von Herzen liebe; und das Einzige, was ich wünschte, um ruhig aus der Welt zu gehen wäre, Euch zu sehen und in Euren Armen zu sterben." Innig geliebt hat auch Christiane Vulpius ihren Goethe. Sie war eine sehr erdverbundene, einfache Frau mit einem großen Herzen. Wenn ich die Briefe lese, wird mir klar, wieso der Dichterfürst sich in diese Frau verliebte "... ich liebe Dich unaussprechlich...ich liebe Dich über alles...Wenn Du wiederkömmst, wenn noch schöne Tage sind, dass wir noch mannichmal im Garten am Hause schlampampfen können, da freue ich mich drauf...Leb recht wohl und behalt mich lieb, mein Einziger."


Die intelligenteste und brillanteste Briefschreiberin ist die große französische Salondame Frankreichs Ninon de Lenclos (1620-1705). Schön, geistreich und selbstbewusst war sie und sie hatte viele Liebhaber. Den vermutlich letzten Galan erhörte nach ihrem achtzigsten Geburtstag. An den Marquis de Sévigné schreibt sie u.a...."Ich bin geboren, um zu lieben und alle Begeisterung der Liebe zu empfinden". In ihren Briefen zeigt sie sich als Meisterin des höfischen Spiels um Koketterie, Eroberung und Liebe. Ich möchte nicht beurteilen, ob sie die Liebesfähigkeit einer Karoline von Günderrode besaß, die an Friedrich Creuzer schreibt: " Wenn ich sterbe, mein Freund, so werde ich Dir erscheinen, wenn Du nachts allein bist, dann trete ich leise an Dein Bett und drücke einen Kuss auf Deine Stirn.
Wenn Du stirbst, so komme auch zu mir. Versprich es!"....und ein Jahr später..."Ich liebe Dich bis zum Tode, süßer, lieber Freund, Du mein Leben: Ich wünsche, Dir zu leben oder zu sterben...Unser Schicksal ist traurig, ich beneide mit Dir die Flüsse, die sich vereinigen. Der Tod ist besser als so zu leben. Eine Hoffnung erhält mich, aber diese ist Torheit."
George Sand lässt einen Brief an ihren 16 Jahre jüngeren Geliebten Frederic Chopin mit den selbstironisierenden Worten enden. "Gute Nacht. Ich werde zu Bett gehen; ich bin zum Umfallen müde. Lieben Sie Ihre Alte so sehr, wie sie Sie liebt. G.S "

Vielleicht noch ein paar Zeilen der Schriftstellerin Edith Wharton an William Morton Fullerton "... im Augenblick sehe ich im gesamten Universum nur eines, nur eines dringt in mein Bewusstsein - Du und unsere Liebe füreinander. "


Ein lesenswertes Buch.

Rezension:Liebesbriefe großer Männer

Dr. Sabine Anders und Katharina Maier sind die Herausgeberinnen der "Liebesbriefe großer Männer".
Unter großen Männern verstehen die beiden Damen berühmte Persönlichkeiten aus der Politik, der Literatur, der Kunst und der Musik, wie man dem Inhaltsverzeichnis entnehmen kann. Die hier aufgeführten Briefschreiber sind alle schon lange verstorben. Auffallend ist, dass die Mehrzahl der Personen im 18. und 19. Jahrhundert lebte. Vermutlich erreichte das Schreiben von Liebesbriefen zu diesem Zeitpunkt seinen Höhepunkt. Was sind Liebesbriefe?

Auf der Rückseite des Buchumschlags erfährt man, dass es stete Versuche sind "die drei Worte - Ich liebe dich - so auszudrücken, dass der andere die Verzückung dieses großen Gefühls spüren und glauben kann."
Ich bin stets etwas zögerlich Briefe zu lesen, die nicht an mich adressiert sind. Das gilt umso mehr für Liebesbriefe. Diese sind ganz besondere Geschenke, mit denen man sehr sorgfältig umgehen sollte. Da keiner der Schreiber mehr lebt und die Nachfahren offenbar wenig Probleme damit haben den intimen Nachlass dieser Personen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, habe ich mich schließlich zur Lektüre des Buches entschlossen, weil mich interessierte, worin sich die verbalen Gefühlsäußerungen der einzelnen Schreiber unterscheiden, weil ich neugierig war Temperamentsunterschiede zu erspüren und weil ich erfühlen wollte, ob man sprachlich nachvollziehen kann, ob es wirkliche Liebe oder nur Liebelei war, die den jeweiligen Verliebten zu seinem Tun antrieb. Es ging mir dabei weniger darum, wer die Briefe geschrieben hat, sondern wie die Texte angelegt sind.

Ist es möglich die Zwischentöne herauszuhören? Ist es möglich die Gefühlsintensität in ihrer Gesamtheit zu erspüren? Kann man den Unterschied zwischen Galanterie und ernst gemeinter Liebesempfindung aus Worten heraushören? Ja, es ist möglich. Vielleicht, weil man emotional relativ unbeteiligt ist und der analytische Blick nicht getrübt wird.

Ich muss zugeben, dass ich von den Briefen Napoleons an Josephine am meisten angetan bin. Wie kein anderer Schreiber - noch nicht einmal Goethe, Lord Byron, Liszt und Rilke - dokumentiert Bonaparte in seinen Briefen die intensive Liebe zu seinem Herzens - Du, indem er sich völlig zurücknimmt und Josephine glaubhaft zur Königin seines Gefühlslebens und seiner Träume macht:

"Fortwährend denke ich im Geiste an Deine Küsse, Deine Tränen, Deine reizende Eifersucht, und der Zauber der unvergleichlichen Josephine entfacht immer von neuem die wild glühende Flamme meines Herzens und meiner Sinne. Wann werde ich endlich, frei von Sorgen und Geschäften, all meine Zeit bei Dir verbringen können, nicht anderes zu tun zu haben, als Dich zu lieben, an nichts anderes zu denken brauchen als an das Glück, es Dir zu sagen und zu beweisen?" Dieses Sich - Zurücknehmen ist ein Indiz für große Liebe. Wenn der Briefschreiber in erster Linie von seinem Befindlichkeiten schreibt, werde ich skeptisch. Richard Wagner ist so ein Fall. Man liest auch Liebesbriefe der Adressatinnen. Mitunter erscheinen die Gefühlsäußerungen ein wenig Besitz ergreifend, wie etwa bei Karoline von Günderrode an Friedrich Kreuzer: ".... Lass keine Zeit, kein Verhältnis zwischen uns treten. Den Verlust Deiner Liebe könnte ich nicht ertragen, versprich mir, mich nimmer zu verlassen." Bei solchen Äußerungen ist immer Vorsicht angesagt.

Eine kurze Beschreibung der jeweiligen Liebesbeziehungen der einzelnen Briefverfasser wird gegeben. So erfährt man beispielsweise : "Als Goethe nach Weimar kam, lernte er die sieben Jahre ältere und unglücklich verheiratete Charlotte von Stein kennen. Ihr Verhältnis dauerte fast 10 Jahre und zerbrach erst als Goethe seine fluchtartige Italienreise antrat. Nach seiner Rückkehr über ein Jahr später dauerte es lange, bis die beiden wieder zu einem freundschaftlichen Umgang miteinander fanden."

Es ist unmöglich innerhalb der Rezension alle Schreiber im Buch zu nennen. Puschkin, Heine, Keats, Hugo und Schnitzler gehören zu ihnen, aber auch Oskar Wilde. Dieser schreibt an seinen Geliebten Bosie (Lord Alfred Douglas): "......Wenn wir uns im Missklang befinden, dann verliert für mich die Welt alle Farbe; doch wir sind ja niemals wirklich im Missklang. Ich denke an Dich Tag und Nacht.... Ich bin immer voller Hingabe, der Deine..."

Ein wunderbares Buch mit wundervollem Inhalt. Ich erlaube mir meine Rezension mit einigen Zeilen aus einem Liebesbrief Franz Liszts an Carolyne Sayn-Wittgenstein zu beenden:

"Vergessen wir nicht, dass unser Weg und unser Ziel die Liebe ist- die Liebe, die alle Lasten leicht tragen lässt, denn sie entströmt unaufhörlich den Quellen des ewigen Lichts."


Sehr empfehlenswert!

Rezension:Liebesgedichte: Italienisch und deutsch (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

Der Bildhauer, Maler, Baumeister und Dichter Michelangelo, eigentlich Michelangelo Buonarroti (1475-1664) war der Hauptmeister der Hochrenaissance und der bedeutendste Wegbereiter des Manierismus. Seit 1496 arbeitete er abwechselnd in Florenz, Rom und in den Marmorbrüchen von Carrara, ehe er 1534 endgültig nach Rom übersiedelte. Seine Liebesgedichte sind , so Boris von Brauchitsch im Nachwort, vorwiegend an Männer gerichtet. Der Neffe des Künstlers sorgte im Nachhinein dafür, dass die männlichen Endungen in weibliche verwandelt wurden, allerdings sind einige Adressaten bekannt: Antonio Mini, Febo di Poggio und Tommaso Cavalieri. Lange nahm man die Liebesgedichte Michelangelos nicht ernst, weil die Adressaten Männer waren . Die verklemmte Moral stand dagegen.


B.von Brauchitsch konstatiert, dass Michelangelos Gedichte mitunter wie aus hartem Material gemeißelt und geschnitzt erscheinen. Sie sind nach seiner Meinung nicht hingehaucht, nicht hingegossen, sondern sperrig, manchmal hölzern mit splitternden Kanten, manchmal steinern ohne Politur. Sie sind, so der Schreiber des Nachworts, wie Skulpturen, von denen der allergrößte Teil unfertig erscheint, nicht ganz befreit aus dem Marmor. Recht hat er mit der Analyse , genau so wirken sie auf den Leser. Ich teile von Brauchitschs Vermutung , dass Michelangelo mitunter den Reiz erkannte, den ein nicht ganz freigelegter Körper besitzen kann und diese Erkenntnis für seine Gedichte nutzte. Michelangelos poetische Themen sind Liebe, Tod und Leidenschaft.

Ich habe folgendes Liebesgedicht vom Schöpfer des atemberaubend schönen David ausgewählt, um Ihnen den Lyriker Michelangelo vorzustellen:


Wie dürres Holz will ich in Feuerflammen

Vergeh`n , wenn ich dich nicht von Herzen liebe,

Und, wenn ich anders fühle, mich verdammen!

Und wenn ich anderer Schönheit mich verschrieben,

Dass deine Augen mich nicht mehr durchglüh`n,

Dann nimm sie mir , dem das Sterben bliebe!


Wenn Traum und Trachten mich nicht dir entzieh`n

Dann mag mein Denken so verzweifelt sein,

Wie es in deiner Liebe stark und kühn!


Beraubt man mich der Glut, muss ich verderben,

Ich sterbe dort, wo alle andern leben;

Nur heißes Feuer kann mir Nahrung geben,

Ich leb von dem, woran die andern sterben.

(Michelangelo)

Dieser wundervolle Gedicht spricht Bände. Es sagt meines Erachtens viel über das innere Wesen des Künstlers aus, über die explosive Leidenschaft, die neben künstlerischem Können notwendig ist , um eine Skulptur wie David zu erschaffen.

Empfehlenswert.

Rezension:Liebesgedichte an Laura (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

Wer liebend stirbt, stirbt einen schönen Tod ( Petrarca)

Der Lyriker Francesco Petrarca (1304-1374) lotet in den vorliegenden " Liebesgedichten an Laura" seine emotionalen Befindlichkeiten gegenüber dieser offenbar sehr schönen Frau aus. Dabei bleibt ungewiss, ob Laura tatsächlich gelebt hat oder ein Trugbild des Dichters war. Petrarca bespiegelt in seinen Gedichten seine Gefühlwelt, spricht von seinem Verlangen , seinem Seufzen, seinem Kummer und seinem Schmerz , der sich nach dem Tode Lauras noch verstärkt. Petrarca leidet an seinem Liebesgefühl. Dieses ist für ihn Lust und Qual zugleich.

Irritierend erscheint mir, dass nicht Laura ( Petrarcas Liebesobjekt), sondern in erster Linie die Gefühle des Lyrikers im Vordergrund seiner Dichtung stehen. Das hat zur Folge, dass Laura in all den wunderschönen Gedichten immer ein wenig wie eine idealisierte Fremde besungen wird, über die man spricht, die man aber selten konkret anspricht. Besonders beeindruckend , aber auch bezeichnend für Petrarcas distanzierte Grundhaltung ist das Gedicht über " Lauras Tod". Anders als in seinen Liebesgedichten an Laura spricht der Lyriker allerdings ausnahmsweise mal nicht von seinen Gefühlsirritationen.

Nicht wie die Flamme, die gewaltsam zum Erlöschen

gebracht wird, sondern wie eine, die sich selbst verbraucht,

ging die zufried`ne Seele in Frieden von dannen,

einem milden, hellen Lichte gleich, dem die Nahrung ausgeht.

So blieb sie bis zum Ende sich selbst treu.

Nicht bleich, nein, weißer als der Schnee,

der in der Stille auf einen schönen Hügel herabflockt,

schien sie sich niederzulegen wie jemand, der müde ist,

als überkäme süßer Schlummer ihre schönen Augen

und als wäre ihr Geist schon fern von ihr:

so war das, was die Toren sterben nennen.

Der Tod schien schön auf ihrem schönen Anlitz

Petrarcas Todessehnsucht nach dem Ableben Lauras wird immer wieder überlagert von Selbstvorwürfen.

Die feinsinnigen Gedichte zeigen die Widersprüche und Gefühlsschwankungen des melancholischen Lyrikers deutlich auf.