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Rezension: Mit Ringelnatz ans Meer

Der Lyriker Joachim Ringelnatz (7.8.1883- 17.11.1934) war u.a. Schiffsjunge und Matrose. Vor allem in München und Berlin trug er als Kabarettist seine eigenen, aus Absurdem und Tiefsinn, antibürgerlichem Protest, Groteske und Satire gemischten Gedichte im Moritaten- und Bänkelsangton vor.

Das Gedichtsbändchen enthält 25 seiner Gedichte, die Lust aufs Meer machen sollen. Diese Gedichte werden von Meer- und Strandfotos begleitet, auf denen u.a. Segelschiffe, ein hübsches Panoramabild von Hiddensee, ein Strandkorb, auf dem eine Möwe thront, eine lesende, barocke Strandschönheit, ein Seepferdchen, ein Leuchtturm, aber auch Kinder zu sehen sind. Die Bilder korrespondieren mit den Gedichten, die all jene, die Ringelnatz-Gedichte noch nicht kennen, gewiss neugierig auf diesen Lyriker machen.

Tiefsinn lässt der letzte Vers seines Gedichtes Segelschiffe erkennen: "Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie die Welt./Natur gewordene Planken/Sind Segelschiffe.- Ihr Anblick erhellt/Und weitet unsere Gedanken" (S.4). Sein Gedicht "Kindersand" finde ich ebenfalls sehr nachdenklich. Seine Verse, die den Seemann Kuttel Daddeldu thematisieren sind ämüsant.

Von den 25 Gedichten möchte ich das Gedicht mit dem Titel "Seepferdchen" wiedergeben, weil ich es für besonders phantasievoll halte und weil ich meine, dass es viel über den Menschen, der es verfasste, zum Ausdruck bringt.
Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,
Im vorigen Leben,
Wie war das wonnig, wunderbar
Unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
Wogte, wie Güte, das Haar
Der zierlichsten aller Seestuten,
Die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
Wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
Auf dass ich ihr folge, sie hasche,
Und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellt sich froh,
Schnappte nach einem Wasserfloh,
Und ringelte sich
An einem Stängelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
Du trägst ein farbloses Panzerkleid
Und hast ein bekümmerstes altes Leid.
Seetütchen! Schnörkelchen, Ringelnass!
Wann war wohl das?
Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?
Es ist beinahe so, dass ich weine-
Lollo hat das vertrocknete, kleine
Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.


Empfehlenswert.


Bild: ©TunavB


Rezension: Gedichte mit Kunstwerken ihrer Zeit

Dieses wunderschöne Buch enthält Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke. Diese Gedichte werden von zauberhaften Blumen- und Landschaftbildern begleitet, so dass das Buch in seinem Gesamtkonzept an ein Poesiealbum erinnert.

Gemälde und Aquarelle von Caspar David Friedrich, Heinrich Wilhelm Tischbein, Johann Ferdinand Waldmüller, Philipp Otto Runge, Carl Spitzweg, Gustav Klimt u.a. sorgen beim Leser dafür, sich in die Stimmung der Gedichte einzufinden. Goethes Liebesgedichte, auch seine Naturgedichte korrespondieren sehr gut mit den ausgesuchten Gemälden, wie etwa Caspar David Friedrichs "Auf dem Segler" oder "Der Mönch am Meer".

Tischbeins Gemälde "Goethe am Fenster der Römischen Wohnung am Corso" von 1787 wurde seinem Gedicht "Die Musageten" zugeordnet. Seine Frühlings- und Herbstgedichte haben auch den geeigneten Rahmen gefunden.

Vor einigen Zeit habe ich mich mit Schillers Lyrik ausführlich befasst und finde, dass die im Buch vorgestellten Gedichte eine gute Auswahl verkörpern. Mein Lieblingsgedicht fand ich auf Seite 49 abgedruckt. Ich erlaube mir den letzten Vers daraus hier zu zitieren:

"Deine Blicke- wenn sie Liebe lächeln,
Können Leben durch den Marmor fächeln
Felsadern Pulse leih`n
Träume werden um mich her zu Wesen,
Kann ich nur in deinen Augen lesen:
Laura. Laura mein!"

So kann nur ein hochgradig verliebter Mann schreiben.

Schiller fragt in einem anderen Gedicht (S. 48), fast ein wenig verzweifelt:

"Kann der Liebe süß Verlangen
Emma, kann`s vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen
Emma, kann`s die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut
Stirbt sie, wie ein irdisch Gut?"

Die Lyrik einer meiner Lieblingsdichter - Heinrich Heine - berührt mich dann besonders, wenn er traurige Liebesgedichte verfasst. Er weiß in vier Zeilen auf eindringliche Art seine Gefühle zu einer Frau zu formulieren:

"Ich habe dich geliebt und liebe dich noch!
Und fiele die Welt zusammen
Aus ihren Trümmern steigen doch
Hervor meiner Liebe Flammen."

Das Gedicht "Zuneigung" macht deutlich, dass dem Dichter stets die Möglichkeit bleibt, vergangene Liebesgefühle durch ein Gedicht für die Ewigkeit festzuhalten. " Verblichen und verweht sind längst die Träume,/ Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild/...." (S.98)

Spitzwegs witzige Bilder passen sehr sehr gut zu ironischen Gedichten Heines, in denen überbordende Gefühle leicht auf die Schippe genommen werden, wie etwa hier:" Das Fräulein stand am Meere/Und seufzte lang und bang,/Es rührte sie so sehre/ Der Sonnenuntergang.".... :-))

Ein großes Lob gilt der Auswahl der wundervollen Gedichte Rilkes. Dass bei seinem Gedicht "Die Liebenden" eine Ablichtung der Skulptur "Die Liebenden" von Auguste Rodin beigefügt wurde, finde ich sehr passend.

"Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
in ihren Adern wird alles Geist.
Ihre Gestalten beben wie Achsen,
um die es heiß und hinreißend kreist,
Dürstende, die sie bekommen zu trinken,
Wache und sieh: sie bekommen zu sehen.
Lass sie ineinander sinken,
um einander zu überstehn."
(S. 123)

Auf den letzten Seiten kann man Kurzbiografien der Dichter lesen und erfährt den Standort der Originale der im Buch abgelichteten Bilder und Skulpturen.

Ein wunderschönes Buch, das ich gerne empfehle.

Rezension: Charles Bukowski- Letzte Meldung

Der amerikanische Schriftsteller und Lyriker Charles Bukowski (1920-1994) hat einen beachtlichen Fundus an Gedichten, Fragmenten und Unvollendetem hinterlassen. Der vorliegende Band "Letzte Meldungen" hat sein Freund und Übersetzer Carl Weissner herausgegeben und sich dabei an den hohen Qualitätsanspruch Bukowskis bei der Auswahl der Gedichte gehalten, zu denen auch zahlreiche deutsche Erstveröffentlichungen zählen.

Der in Andernach am Rhein geborene Lyriker lebte seit 1922 in den USA. Die Gedichte sind mit das Beste, was ich je an Lyrik gelesen habe. Das gilt auch für sein Gedicht "Catull und seine Liebesgedichte", in dem er eine kleine, möglicherweise erfundene historische Anekdote erzählt, die mit dem Fazit endet "Besser man fängt mit einem /Flittchen an, als dass man/ mit einem endet."(S.32)

Er schreibt amüsiert über die "Gallopiernde Inflation" in den 1920er Jahren und resümiert: "Sieht so aus, als würden/nur die Nutten am Imperial/Highway überleben und sich/die Erde untertan machen."(S.49)

An anderer Stelle dichtet er von Jockeys wie Johnny, die für ihn die Tragödie des Lebens definieren und zwar mehr als der Tod von Marco Polo, Picasso oder Heinrich dem VIII. Das Gedicht, in dem er Johnny gedenkt, lässt er mit den Worten enden: "Während Kant/mumifiziert in/seinem Sarg liegt/und Mozart zu/Staub zerfällt/haut Johnny/eine Karte/ auf den/ Tisch/und ge-/winnt doch/noch ein/Spiel". (S.53) Für Bukowski findet das Leben im Jetzt und nur dort statt und er macht in allen Gedichten deutlich, dass dieses gegenwärtige Leben jenseits des schönen Scheins zu Erkenntnissen führt, die Bildung letztlich nicht zu geben vermag. "Shakespeare ist tot."....(S.55)

Berührend, seine Selbsterkenntnis und der Hinweis auch, dass er sich zwar stets mit der krassen Sprache der Unterschicht und deren Elend auseinander setzte aber letztlich anderswo her kam. "Ein Klugscheisser/ Das war ich,/ auf dem Campus.... Ich las nichts als Nietzsche und/ Schopenhauer./ Ich hatte Journalismus und Kunst belegt/und wenn wir einen Text pro Woche/schreiben sollten, gab ich sieben ab." (S. 57)

Pferde, Alkohl, Dirnen und Zocker- Männerwelten sind sein Thema, aber auch "Kleopatra mit sechzig , die einst der schönste Filmstar des Landes war und mit einem gebrochenen Rückenwirbel im Krankenhaus liegt. Man gedenkt ihrer kaum noch. Die Besucher des einst gefeierten Stars sind rar. Sie ist auf sich selbst zurückgeworfen." Was geht ihr wohl durch den Kopf;/hat sie vielleicht ihr wahres Ich/entdeckt, zu echter Einsicht/ gefunden,wenn auch vielleicht zu/spät?.../

Um Ihre Leselust anzutörnen, will ich eines der vielen Gedichte aus dem Buch zitieren. Ich finde dieses Gedicht außerordentlich gelungen, subtil, ganz nah am Leben, näher als all als das, was man in jungen Jahren so oft erzählt bekommt. Pädagogisch ist es sehr wertvoll:

Einer kam Durch

Peter war eine Missgeburt
Peter war fett, eine Dumpf-
backe, unbeholfen, er stotterte
und stolperte, die Mädchen
lachten ihn aus, die Jungs
trietzten ihn, nach dem Unterricht
musste er oft dableiben, die Brille
fiel ihm dauernd von der Nase
seine Schnürsenkel waren lose
das Hemd hing ihm hinten raus
er hatte unmögliche Sachen an
und saß immer in der hintersten
Reihe, und der Rotz lief ihm
aus der Nase.


Das war damals. In der Grundschule
und den ersten beiden Jahren
Highschool. Danach
verloren sie ihn
aus den Augen.


Heute fährt er seine teuren Autos
nie länger als ein Jahr, hat ständig
eine neue und noch schönere Freundin
trägt keine Brille mehr, ist
schlank, sieht beinahe gut aus
hat ein selbstbewusstes Auftreten
ein Anwesen in Mexiko, ein
Haus in Hollywood.
Er ist Kunsthändler, spekuliert
an der Börse, spricht
drei Sprachen. besitzt eine Jacht
und ein Privatflugzeug.
Nebenbei ist er auch noch
Filmproduzent.


Denen aus der Schulzeit
ist er ein komplettes
Rätsel. Irgendetwas
ist passiert. Aber
was, zum Kuckuck?


Die meisten Götterjünglinge
von damals, soweit sie
überlebt haben, sind krumm
und bucklig, unrühmlich ge-
scheitert, halb verblödet,
obdachlos, senil oder kurz
vor dem Tod.


Es kommt selten so
wie man denkt.
Eigentlich
nie.


Charles Bukowski ist ein Vertreter des Hier und Jetzt. Das zeigen alle seine Gedichte. Das Gedicht "Einer kam durch" macht deutlich, dass er sehr weise war und gerade deshalb so respektlos gegenüber jeglichem schönen Schein.
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Rezension: Andrea Engen - Nur nicht fühlen Jetzt

Andrea Engen lässt den Leser im Klappentext dieses auch optisch gelungenen Gedichtsbandes wissen, dass sie seit ihrem 19. Lebensjahr ihre Gedanken aufnotiert. Im Alter von 52 Jahren litt sie an Liebeskummer und schrieb "extrem und viel", wie sie sagt. Engen nahm ihre alten Aufzeichnungen zu diesem Zeitpunkt zur Hand, überarbeitete das Ein oder Andere, es entstand allerdings auch Neues und so kam es zu diesem Büchlein, das mit einer fragenden Sentenz Kurt Tucholskys beginnt: "Muss denn immer gleich von Liebe die Rede sein?"

Eine gute Frage, die ich immer mit einem Ja beantworten würde. Liebe sollte in jeder Begegnung mit einem neuen Menschen mitschwingen. Allerdings bedingt sie nicht immer ein erotisches Verhältnis und begründet schon gar nicht Besitzansprüche. Man sollte sie, in ihren unterschiedlichen Facetten stets zulassen, weil sie die Kommunikation mit unseren Gegenübern einfach schöner gestaltet.


Engens Texte berühren mich. Es ist die Poesie einer reifen Frau, die es nicht verlernt hat, intensiv zu fühlen. Von ihren alten Texten hat sie offenbar jene gewählt, zu denen sie heute noch steht. Mir ist es nicht möglich auszuloten, in welchem Alter Engen den jeweiligen Texte verfasst hat. Die Seele hat ihre eigene Sprache. Bei vielen Menschen ist sie bis ins hohe Alter unreif, bei Engen ist das Gegenteil der Fall.
Eines der schönsten Gedichte ist m.E. dieses:


Lächeln
Als ich den Hörer auflegte
Als ich dann allein war
Als ich mich erinnerte
Als ich dem Mond zugelächelt habe
Als ich nachfühlte
Als ich mich dann sehnte
Als ich also vermisste
Habe ich gelächelt.

Es gibt nur wenige junge Frauen, die zu einer solchen Selbstbeobachtung fähig sind, wenn sie Schmetterlinge im Bauch haben. Man benötigt Reife, um die eigene Emotion mit einem beinahe amüsierten Abstand zu betrachten und ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein, wenn man ein Gedicht veröffentlicht, das mit den Zeilen beginnt:"Du warst auf der Durchreise/Ich in den Wechseljahren/Als wir uns das erste Mal trafen/...


Engen ist eine Frau, das geht aus all ihren inhaltlich und sprachlich schönen Texten hervor, die nicht aufgehört hat, den Moment zu genießen, die das Küssen nicht verlernt hat, trotz ihrer 53 Lenze, die immer noch mit und ohne Herzens-Du auf einem alten Parkett tanzt und die -wiederum amüsiert-, sich ihrer Lust erinnert während einer Nacht mit einem offenbar wesentlich jüngeren Mann: "Du hast mich einfach so geküsst/Hotelflurteppichboden schluckte Zweifel/Und den Altersunterschied/Dein Lachen- so frech, so jung/Ich erinnerte mich wieder an meine Lust/In dieser Nacht/..."


Neben den Texten gefallen mir auch die schönen Fotos, die von einer Frau erzählen, die den erotischen Moment zu schätzen weiß und die das Lieben nicht verlernt hat.


Empfehlenswert.

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Rezension:Fast ganz die Deine (Gebundene Ausgabe)

Die Autorin des vorliegenden, nie abgesandten Briefes wurde nur 34 Jahre alt. Marcelle Sauvageot verstarb 1934 in Davos an einem Lungenleiden. Während ihres Aufenthaltes in einem Sanatorium in Hautville schreibt sie ihrem Geliebten. Dieser hat sich überraschend für eine andere Frau entschieden, die er heiraten möchte. Das hat er Marcelle brieflich mitgeteilt. Seine Entscheidung begründet er, wie man dem Kontext ihres Briefes entnehmen kann, mit seinen Bedenken gegenüber Marcelles Stärken: ihrer Unabhängigkeit, ihren eigenwilligen Gedanken. Diese Attribute, die ihn einst an ihr faszinierten, bewertet er nun negativ.
Die kranke Frau hat Grund, sich verletzt zu fühlen und traurig zu sein. Sie reflektiert die Liebe zu diesem Mann und stellt ihn mit seinen positiven und negativen Seiten dar. Feinfühlig und intelligent sucht sie noch einmal, im Angesicht ihrer tödlichen Krankheit, gedanklich seine Nähe. Gleichwohl verliert sie an keiner Stelle ihrer eindringlichen Zeilen ihren Stolz gegenüber dem Abtrünnigen. Nachdem sie sich den Kummer von der Seele geschrieben hat, entscheidet sie sich dafür wieder fröhlich zu sein, Champagner zu trinken und sich einem neuen Augenblick zuzuwenden. So als ob ihr Leben ewig dauern würde....


Im Anschluss an den gefühlvollen, gleichwohl geistig tiefsinnigen Text hat man Gelegenheit sich mit diesbezüglichen Anmerkungen des französischen Kritikers Charles Du Bos und der Schriftstellerin Ulrike Draesner auseinander zusetzen.


Empfehlenswert!

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Rezension : Briefe bewegen die Welt

Bauchschmerzen habe ich immer dann, wenn ich Briefe von Menschen lese, die nicht an mich gerichtet sind. Selbst wenn solche Briefe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, habe ich stets den Eindruck in die Privatsphäre von Menschen einzudringen, deren Zustimmung ich dazu nicht erhalten habe. Beim vorliegenden Buch war die intellektuelle Neugierde stärker als meine Vorbehalte. Meine Exkulpationsversuche wollten natürlich nicht greifen: "Wenn Karasek seine Neugierde auslebt, dann darf ich das auch." Nein, dann darf ich es noch lange nicht. Ich darf es nur, wenn mein Gewissen sein Einverständnis dazu gibt. Das ist allerdings nicht geschehen. Ich habe mich über mein Gewissen hinweg gesetzt, weil die abgedruckten Briefe und die Hintergrundinformationen von Hans Pöllmann und Sonja Wild mich einfach zu sehr interessieren, als dass ich meinen Grundsätzen treu bleiben könnte. Also halte ich es mit Oscar Wilde: "Mir sind Menschen lieber als Grundsätze und grundsatzlose Menschen überhaupt das Liebste auf Erden." Wie schön, Oscar Wilde mag mich ob meiner Handlungsweise. Alles ist gut.:-))

Dieses Buch enthält insgesamt 30 Briefe, mittels denen Hellmuth Karasek, er hat sie herausgegeben, bezweckt, das Leben zu zeigen.


Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass die Briefe als hochwertige Faksimiles abgedruckt und in Druckschrift wiedergegeben sind. Man hat sie zeitgeschichtlich eingeordnet und um die Lebensläufe und Porträtbilder der Briefeschreiber und Empfänger ergänzt.

Das Vorwort hat Jürgen Gerdes, der Konzernvorstand Brief Deutsche Post DHL verfasst. Die Einleitung stammt von Hellmuth Karasek, der über den tieferen Sinn von Briefen nachdenkt und zunächst vom wohl ältesten Brief des Welt schreibt, einem 2,8 Zentimeter messenden, ein Zentimeter dicken Fragment, das etwa 3400 Jahre alt ist. Karasek weiß, dass derjenige, der an Briefe denkt, zuerst Liebesbriefe im Sinn hat, Dokumente der Vertraulichkeit und der Freundschaft, die weite Strecken überwinden müssen. Briefe dienen, so der Literaturkritiker, dem Fernverkehr, "sie überbrücken Distanz und sie schaffen Distanz", (vgl: S. 9 u.10).

Die Briefe im Buch sind von ihrem Wesen her ganz unterschiedlich. Der Briefwechsel zwischen Konrad Adenauer und Theodor Heuss aus dem Jahre 1952 ist gesellschaftspolitischer Natur. Es geht um die National-Hymne.


Otto von Bismark bittet Heinrich von Puttkammer um die Hand seiner Tochter. Wie man erfährt soll der Brautvater zögerlich reagiert haben. Doch schließlich wurde das Edelfräulein von Puttkammer seine Frau. Bismarck soll wegen seiner Ehe viele Eskapaden gehabt haben, die von Johanna geduldet wurden. Diese Hintergrundinformation verdeutlicht mir mal wieder, wie sehr sich die Gefühle von Menschen ändern können und das nichts im Leben von Bestand ist.

Es ist unmöglich im Rahmen der Rezension alle Briefe zu beleuchten, obschon es eine interessante Aufgabe wäre. Der Brief, den Friedrich der Große an Voltaire schrieb, ist in französischer Sprache und in der deutschen Übersetzung abgedruckt. Wie man liest, soll die Brieffreundschaft der beiden besser als die persönliche Beziehung gewesen sein.

Sophie Scholl schreibt ihrem Verlobten am 16.2.1943, sechs Tage vor ihrem Tod einen kleinen Brief, der so hoffnungvoll endet: "Vielleicht können wir bald zusammen irgendwo anfangen". In den Erläuterungen zum Brief liest man "Die Studentin der Biologie und Philosophie mit kaum Lebenserfahrung hatte gewusst, sie hatte 1943 alles gewusst. Ihr Beispiel zeigt: Holocaust und Kriegsverbrechen fanden nicht im Verborgenen statt."

Der Kulturphilosoph Walter Benjamin schreibt am 2.8. 1940 an "seinen lieben Teddie", gemeint ist Theodor W. Adorno aus Lourdes: "Ich bin verurteilt, jede Zeitung (..) wie eine an mich ergangene Zustellung zu lesen und aus jeder Radiosendung eine Stimme des Unglücksboten herauszuhören." Der Briefeschreiber war Opfer des Nationalsozialismus. Adorno war einer der wenigen, die das Potenzial des Denkers erfasst haben.

Sigmund Freud schreibt an den Arzt Wilhelm Fleiss, über den man im Kurzporträt Näheres erfährt, einen kleinen Brief am 15.10.1895, der beinahe wie eine Notiz anmutet. Er macht in der Notiz deutlich, dass der Mensch bereits vor der Pubertät ein sexuelles Wesen ist.

Es ist unmöglich all die Briefeschreiber zu benennen. Goethe schreibt an Schiller am 6. Januar 1798. Wie man in den Erläuterungen erfährt, haben sich die beiden Dichterfürsten gut 1000 Briefe geschrieben. Dass ohne ihre Freundschaft, die in weiten Teilen eine Brieffreundschaft war, die Weimarer Klassik nicht hätte entstehen können, ist jedem klar, der sich mit der Geschichte Weimars befasst hat.

Mir gefällt der Brief Thomas Gottschalks an Marcel Reich-Ranicki vom 7.11.1999, der sehr charmant, witzig und herzlich verfasst ist. Der Briefempfänger hat gewiss seine Freude daran gehabt.

Am meisten berührt hat mich der Brief, den Gunter Sachs an Axel Cäsar Springer schrieb. Dieser Brief, der mit den Worten endet "Herr Springer wir sind uns selten begegnet; ich möchte sie nie mehr wiedersehen", bestätigt mir, dass Gunter Sachs ein Mann mit Rückgrat ist, der es durch seine Haltung schaffte, dass bei der "Bild" ein gewisses Umdenken einsetzte.

Ich möchte es bei dem Brief von Gunter Sachs belassen, obschon alle Briefschreiber es verdienen, erwähnt zu werden. Lange habe ich das beigefügte Foto dieses Mannes angesehen, der eine Aura besitzt, die ich selten in dieser Ausprägung an Menschen wahrgenommen habe. Gunther Sachs ist ein wirklich freier Mann. Kein Blender. Er strahlt Freiheit und Offenheit aus. Nichts an ihm ist aufgesetzt. Solch ein Mann lässt sich von der Presse nicht verschrecken. Er zeigte Flagge. Diesem Menschen gilt mein Respekt.

Ein sehr schönes, hochinformatives Buch. Karasek ist es wirklich gelungen das Leben mit seinen Höhen und Tiefen durch die 30 Briefe aufzuzeigen. Bravo.

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Rezension: Tapfer lieben: Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe

mein Liebster schläft neben mir-
im schwachen Licht- sehe ich sein männliches Kinn
nachgeben- und den Mund seiner
Kindheit wiederkehren
eine weichere Weichheit
die Sensibilität die bebt
im Stillen
doch seine Augen müssen
wundersam geblickt haben aus dem Höhlenversteck des kleinen
Jungen- wenn das, was er nicht verstand-
vergessen ward
aber er wird so aussehen, wenn er tot ist
ach, unerträgliche unausweichliche Gewissheit
doch sähe ich lieber seine Liebe sterben
als ihn?

(Marylin Monroe, 1956)


Das vorliegende reich bebilderte Buch wurde von Stanley Buchthal und Bernard Comment herausgegeben. Es enthält persönliche Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe der großen Hollywoodschauspielerin.

Im Vorwort erfährt man, dass im Jahr 1962 bei ihrem Tode ihr persönlicher Besitz an Lee Straßberg ging. Als dieser 1982 verstarb, ging er an seine junge Witwe Anna Strassberg weiter. Man erfährt in der Folge, wie es dazu kam, dass man sich entschied Marilyn persönliche Aufzeichnungen zu veröffentlichen.

Dem Vorwort folgt ein erhellender Essay von Antonio Tabucchi "Schmetterlingsstaub", der an einer Stelle konstatiert, dass das Bild, das Marilyn in der Welt der Bilder hinterlassen hat, eine Seele verbirgt, von deren Existenz kaum einer wusste. Ich zitiere: "Eine schöne Seele, die von der Populärpsychologie wohl als "neurotisch" bezeichnet würde, so wie alle als neurotisch bezeichnet werden, die zu viel denken, zu viel lieben, zu viel fühlen."(S.18)

Tabucci hält weiter fest, dass das vorliegende Buch mit den vielen, bislang unveröffentlichten Dokumenten die Komplexität der Seele hinter dem Bild offenbart. Dieser Meinung stimme ich absolut zu.

Das Buch enthält private Aufzeichungen aus dem Jahre 1943. Hier schreibt sie u.a. "Es ist kein Vergnügen, sich selbst gut zu kennen oder es jedenfalls zu denken- jeder braucht ein bisschen Einbildung, um um an und um den Abgrund zu kommen." So schreibt dieses gerade einmal 17 jährige Mädchen, das sehr nachdenklich ist und so gar nicht dem Bild entsprechen will, dass man später von ihr zeichnet.

Marilyn in ein typischer Zwilling, das wird in jeder Zeile deutlich. Im Gegensatz zu Tabucchi glaube ich nicht, dass diese Frau ein Schmetterling sein wollte, sondern, dass sie aufgrund ihres Sternzeichens einer war und zwar einer mit zwei Seelen in ihrer Brust, deren eine Seele ein lyrisches Ich beherbergte.

Ich habe ihre Texte aus unterschiedlichen Jahren gelesen und mich amüsiert, wie sie ihre Schreibfehler berichtigt, indem sie die verunglückten Wörter durchstreicht und neu schreibt. Sie ist auch hier ein typischer Zwilling, zu schnell in ihren Gedanken und deshalb etwas unkonzentriert, wenn es darum geht, orthografisch fehlerfrei den Gedanken in Worte umzusetzen. Sie schreibt und hat bereits den nächsten kreativen Einfall und schon hat die Feder sich an einem Buchstaben verheddert.

Bei den Aufzeichnungen von 1955 finde ich folgendes Gedicht:

fühlen, was ich selbst
in mir fühle- Das heißt versuchen
mir bewusst zu machen
auch was ich in anderen spüre
mich nicht meiner Gefühle, Gedanken schämen-
oder Ideen
sie als das sehen, was
sie sind-
(S.83)

Sehr schöne Aufnahmen, die sie im Jahre 1953 ein Buch lesend und schreibend zeigen, visualisieren die Person, die sie auch war. Für Menschen, die nur in Schablonen denken, wird es schwierig sein zu verstehen, dass eine Frau schön und intellektuell zu gleich sein kann.

Man hat Gelegenheit einige ihrer Aufzeichnungen im Original kennenzulernen. Marilyn brachte in Druckbuchstaben ihre Gedanken zu Papier. Immer wieder sieht man sie auf Bildern lesen oder kommunizieren. Ihre Gedichte und Briefe machen deutlich, dass sie mit den geistvollen Männer, mit denen sie Liebesbeziehungen pflegte oder Affären hatte, intellektuell auf gleicher Augenhöhe stand. Neben ihren hohen geistigen Fähigkeiten besaß sie allerdings etwas, was diese Männer nicht in diesem Maße besaßen: Schönheit und Humor.

Ich wundere mich nicht, dass die Männer ihr zu Füßen lagen. Sie war eine Göttin und Mensch gewordene Traumfrau, von der sogar Truman Capote begeistert war.

Ein eindrucksvolles Buch. Sehr empfehlenswert.

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