Dieses Blog durchsuchen

Rezension: Du musst das Leben nicht verstehen: Schöne Gedichte (Gebundene Ausgabe)

Dieser Gedichtband enthält eine bemerkenswerte Auswahl von Gedichten Rainer Maria Rilkes (1875-1926).

Die Gedichte sind in sechs Abschnitte untergliedert:
Mir zur Feier. Eine Auswahl (1897-1898)
Das Stundenbuch. Eine Auswahl (1899-1903)
Das Buch der Bilder. Eine Auswahl (1902 und 1906)
Neue Gedichte. Eine Auswahl (1906-1907)
Der neuen Gedichte anderer Teil. Eine Auswahl (1907-1908)
Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren und späten Jahren (1906-1926)

 Das Nachwort hat Evita Schäfer verfasst. Sie sagt, dass bei aller thematischen, motivischen oder sprachlichen Unterschiedlichkeit die Gedichtsammlung Rilkes durch das Moment einer immer wieder neuen (kindlichen)Aneignung der Welt, des Gegenübers, aber auch des eigenen Selbst geeint werde, (vgl.: 219).

Die chronologische Anordnung der vorliegenden Gedichte gibt einen Überblick über die einzelnen Schaffensphasen. Schäfer skizziert diese im Nachwort kurz und dabei gut nachvollziehbar. Die verdeutlicht in diesem Zusammenhang, welchen Themen in den einzelnen Schaffensperioden Raum gegeben wird.

Ich mag Rilkes Liebeslyrik sehr und doch möchte ein anderes Gedicht hier vorstellen, das ich bislang noch nicht kannte. Dieses Gedicht ist eines der schönsten und dabei klügsten Gedichte, die ich je gelesen habe.

 Du musst das Leben nicht verstehen
 Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.
 (Seite. 19)

 Empfehlenswert.

 Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und  können das Buch bestellen.

Rezension: Wislawa Szymborska. Glückliche Liebe und andere Gedichte (Gebundene Ausgabe)

Dieser Gedichtband enthält tiefsinnige Gedichte der im Februar 2012 in Krakau verstorbenen Literaturnobelpreis-
trägerin Wislawa Szymborska. Die Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin wurde am 2. Juli 1923 in Posen geboren und debütierte 1945 mit dem Gedicht "Ich suche das Wort".

Adam Zagajweski titelt das Nachwort "Einen Dichter wie sie gibt es kein zweites Mal" und skizziert in der Folge das Wesen dieser interessanten Frau, die die Konversation liebte und sich ausgefallenden Lektüren hingab, sich für unterschiedliche Wissenschaften begeisterte, deren Entwicklung sie verfolgte. Zagajweski lässt den Leser wissen, dass diese Lyrikerin das Modell des Dichters, der sich für Dichtung begeistern kann, ablehnte. Szymborska lachte viel, erfährt man. Das spricht natürlich auch für sie als Mensch.

Auf dem Hintergrund der europäischen Gegenwartslyrik zeichnen sich die Gedichte der Polin durch ihre Originalität aus. Zagajweski charakterisiert die Verse als intellektuell, konzentriert, auch witzig ironisch. Dieser Meinung schließe ich mich an.

Eine Rezension über einen Gedichtband ist nicht geeignet Gedichtinterpretationen dort vorzunehmen, aber es sollte dem Leser zumindest ein Vers aus dem rezensierten Band vorgestellt werden. Entschieden habe ich mich zu nachstehenden Zeilen aus dem Gedicht "Glückliche Liebe":

"Glückliche Liebe. Muss das sein?
Takt und Vernunft raten, sie zu verschweigen,
wie einen Skandal aus den höheren Lebenssphären.
Prächtige Kinder werden ohne sie geboren
Die Erde könnte sie niemals bevölkern,
sie kommt schließlich selten vor.

Sollen doch die Menschen, die sie nicht kennen,
behaupten, es gebe keine glückliche Liebe. 

Mit diesem Glauben leben und sterben sie leichter."

 Empfehlenswert.
Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und 
können das Buch bestellen.

 

Rezension:Ich sehne mich nach Licht und Liebe - Die schönsten erotischen Gedichte von Frauen (Gebundene Ausgabe)


Dieser bemerkenswerte Lyrikband ist von der freien Autorin und Publizistin Sabrina Melandri herausgegeben worden. Sie hat in Rom und Oxford Romanistik, Anglistik und Philosophie studiert, für Lyrikfreunde erotische Gedichte, die von Frauen geschrieben wurden, ausgewählt und das Buch mit erotischen Zeichnungen des Künstlers Gustav Klimt illustriert.

Bei den Lyrikerinnen handelt es sich um Sappho, Jeannie Ebner, Ulla Hahn, Sarah Kirsch, Hilde Domin, Luise Labé, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler, Franziska zu Reventlow, Marie Madleine, Mascha Kaléko, Rose Ausländer und vielen anderen mehr.

Mich hat beim Lesen interessiert, wie Frauen unterschiedlicher Zeiten ihre Begierde in Worte transformiert haben, ohne dabei seicht oder profan zu werden, interessiert hat mich auch die möglicherweise erkennbare Leidenschaftlichkeit der einzelnen Lyrikerinnen.

Die Französin Louise Labé (1524-1566), die ich bislang nicht kannte und die von Rilke einst ins Deutsche übersetzt wurde, scheint eine offene, leidenschaftliche Frau gewesen zu sein, wie ihre Verse glaubhaft machen. Leidenschaftlich und sehr sinnlich auch war Franziska von Reventlow, offen zeigt sie dies in in ihrem Gedicht "Heißestes Lieben". Vielleicht spielte sie auf der Klaviatur der Erotik wie keine zweite Frau, war alles was sich ein Mann erträumen kann.

Untergliedert ist der Gedichtband in die Rubriken: Herzenswunsch, Augenblick, Rosenmund, Liebeszauber, Sinnenrausch, Lustschmerz und Traumnacht.

Lange ließ ich das Gedicht "Liebe" von Rose Ausländer (1901-1988) auf mich wirken. Menschen, die zu träumen verstehen, werden es gewiss mögen.

Liebe

Wir werden uns wiederfinden
im See
du als Wasser
ich als Lotusblüte

Du wirst mich tragen
ich werde dich trinken

Wir werden uns angehören
vor allen Augen.

Sogar die Sterne
werden sich wundern:
hier haben sich Zwei
zurückverwandelt.
in ihren Traum
der sie erwählte
(S.80).

Ein Buch, das ich gerne empfehle.


Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension:Frankfurter Anthologie 35: Gedichte und Interpretationen (Gebundene Ausgabe)

Die "Frankfurter Anthologie 35" wartet mit 50 Gedichten aus unterschiedlichen Jahrhunderten und deren Interpretationen auf.

Bei den Gedichten handelt es sich u.a. um Werke von Heinrich von Morungen, Andreas Gryphius, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Theodor Storm, Friedrich Nietzsche, Karl Wofskehl, Kurt Tucholsky, Jürgen Becker und Durs Grünbein.

Zu den Interpreten zählen Peter von Matt, Ulrich Greiner, Gabriele Wohmann, Hans Ulrich Treichel, Eva Demski und viele andere mehr.

Auf den letzten Seiten des Gedichtbandes erfährt man übrigens Wissenswertes zu allen Interpreten.

Marcel Reich-Ranicki startete am 15. Juni 1974 in der Samstagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein in der Literaturgeschichte einmaliges Unternehmen, in dem er jeden Samstag Gedichte aus sämtlichen Epochen der Lyrik vorstellte, jedes der Gedichte von einem namhaften Interpreten erläutert. Die Bände der "Frankfurter Anthologie" beinhalten immer die Gedichte und Interpretationen eines Jahrgangs. Zwischenzeitlich liegen über 1900 Gedichte vor.

Vorstellen möchte ich am heutigen Ostersamstag das Gedicht von Karl Wolfskehl, in dem er es an Selbstironie nicht fehlen lässt. Wie alle Gedichte im Buch, ist auch dieses sehr gut interpretiert. Zu Recht hält Marie Luise Knott fest, dass in diesem Gedicht Ernst, Spott und Selbstironie eng beieinander liegen. Ich stimme ihr zu, wenn sie schreibt Bibliophile bilden eine verschworene Gemeinschaft und dass man trotz des Anrüchigen, das dieses Sammeln hat, es gerne kultiviert. Davon kann ich selbst ein vielstrophiges Lied singen.

Hier das Gedicht, mit dem der Dichter mir und hoffentlich auch Ihnen aus der Seele spricht. Natürlich sollten wir uns nicht scheuen Bücher, die wir besitzen, auch zu lesen. Wolfskehl hat es gewiss auch getan. Er stapelt nur tief. Das macht ihn mir sehr sympathisch.

Lobgesang

Büchern bin ich zugeschworen,
Bücher bilden meine Welt,
Bin an Bücher ganz verloren,
Bin von Büchern rings umstellt.

Zärter noch als Mädchenwangen
Streichl' ich ein geliebtes Buch,
Atme bebend vor Verlangen
Echten Pergamentgeruch.

Inkunabeln, Erstausgaben,
Sonder-, Luxus-, Einzeldruck:
Alles, alles möcht' ich haben -
Nicht zum Lesen, bloß zum Guck!

Bücher sprechen ungelesen -
Seit ich gut mit Büchern stand,
Weiß ich ihr geheimstes Wesen:
Welch ein Band knüpft mancher Band!

Bücher, Bücher, Bücher, Bücher,
Meines Lebens Brot und Wein!
Hüllt einst nicht in Leichentücher -
Schlagt mich in van Geldern ein!
(S.115)

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und  können das Buch bestellen.

Rezension:Mein Herz steht Kopf (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch enthält sehr hübsche farbige Illustrationen der freien Illustratorin Ann-Kathrin Busse, die Liebesgedichte namhafter Lyriker visualisieren.

Die Illustrationen haben ihr Motiv in Herzen gefunden, die bekanntermaßen ein Symbol für die Liebe sind.

Man könnte vermuten, dass die Illustrationen kitschig sind, doch dem ist m.E. nicht so. Busse hat es geschafft witzige, sehr nachdenkliche Bilderwelten zum Thema Liebe durch ihre Herz-Illustrationen zu zaubern.

Auf einem Bild sieht man bespielweise einen Maler, der in einer grauen Steinwüste einen der Steine leuchtend rot anmalt und ihn auf diese Weise zu einem Herzen macht, ihn also beseelt.
Auf einem anderen Bild sieht man ein riesiges Herz auf dem Kopf stehen, das von einem ebenfalls auf dem Kopf stehenden Clown balanciert wird.

Es sind viele unterschiedliche Motive, die den Betrachter inne halten und Fragen nach der Befindlichkeit des eigenen Herzen stellen lassen.

Die Liebesgedichte stammen von Lyrikern wie Christine von dem Knesebeck, Joachim Ringelnatz, Walther Petri, Mascha Kaléko, Erich Fried und vielen anderen mehr.

Busse hat es wirklich geschafft alle Gedichte in sehr ansprechende Illustrationen umzusetzen. Dabei gefällt mir nachstehendes Gedicht von Angelika Wolff und die dazugehörige Illustration besonders gut, weil hier die Liebe in ihrer Idealform Ausdruck findet.

Wagnis
Maskenlos
Du und ich
Begegnen wir uns
Immer wieder gerne
Auf dem hohen Seil,
Vorsichtig und aufmerksam
Nähern wir uns dem Anderen.
Stets darauf bedacht
Balance zu halten.
Mit der Zeit haben wir gelernt,
Uns auf den anderen zu verlassen,
Ihm lächelnd Vertrauen zu schenken,
Gefährdungen
Rechtzeitig zu erkennen.

Immer wieder neigen wir den Kopf voreinander
Und proben
Im stillen Einverständnis
Den Salto
Um einander in den Armen zu landen
Festen Boden unter den Füßen
Herzschlag im Takt.

(Angelika Wolf)

Empfehlenswert.
 
Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension:Poemas Portugueses Portugiesische Gedichte: vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Taschenbuch)

Das vorliegende Büchlein enthält sechsundachtzig Gedichte von namhaften portugiesischen Dichtern und Dichterinnen.

Geschrieben wurden diese Lyrik vom Mittelalter an bis in unsere Zeit.

Hat sich die Gefühlslage der zur Melancholie und Sehnsucht neigenden Portugiesen in all den Jahrhunderten geändert? Wie mir scheint, eher nicht.

Einige wenige Dichter und Dichterinnen rebellieren. Deren Gedichte gefallen mir besonders. So schreibt António Ramos Rosa (geb.: 1925), ein Dichter mit erkenntnistheoretischem Anspruch, der nach der existenziellen Verwurzelung der Menschen in der Welt fragt, am Ende seines sehr schönen Gedichtes ".../ich kann mein Leben nicht vertagen auf ein anderes Jahrhundert/noch meine Liebe/noch meinen Schrei nach Freiheit.../Ich kann mein Herz nicht vertagen,(vgl.: S.175). Rosa will also im Jetzt leben und sich nicht der Sehnsucht hingeben. Ihn kann ich gut verstehen.

Die Gedichte sind alle in portugiesischer und deutscher Sprache abgedruckt. Herausgegeben wurden sie von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal.

Eugénio de Andrade schreibt in seinem Vorwort, dass die portugiesische Poesie die Identität der Portugiesen sei.

Sehr angetan bin ich von den Versen Fernando Pessoas (1888-1935), welcher der bedeutendste portugiesische Dichter nach Comoes und der wichtigste Repräsentant des literarischen Modernismus in Portugal ist. Über dessen literarisches Schaffen erfährt man analog zu den anderen Dichtern auf den letzten Seiten des Buches Erhellendes.

Pessoa schreibt u.a. "Dier Lieder der Portugiesen/ sind wie Schiffe auf See./ Sie ziehen von Seele zu Seele/ und können leicht untergehen",(S. 105) und zu Beginn eines anderen Gedichtes schreibt er "Oh salziges Meer, wie viel von deinem Salz/sind Tränen Portugals!" (S. 101). Damit charakterisiert er m.E. die meeresorientieren Befindlichkeiten Portugiesen bestens.

Bei Pessoa ist die Melancholie bis ins Unerträgliche gesteigert. Natürlich sind seine Verse ganz wundervoll, aber sie sind düster, so düster wie die Lyrik von Adolfo Casais Monteiro(1908-1972)- "Traurige Musik,/hoffnungsloser nächtlicher Gesang,/nach und nach/dringt er in mein Herz",(S. 141).

Ich möchte eine Gedicht von Florbela Espanca hervorheben, weil es mir sehr gut gefällt:
Ich möchte lieben, lieben ohne Maß!

Lieben nur um zu lieben: Hier..und dort..
Noch diesen noch jenen, noch einen anderen, alle..
Lieben! Lieben! Und niemand lieben!
Erinnern? Vergessen? Alles einerlei!..

Sich binden oder lösen? Ist es schlecht? Ist es gut?
Wer sagt, man könne jemanden
Ein ganzes Leben lieben, ist ein Lügner!

In jedem Leben gibt es einen Frühling:
Muss ihn doch, solange er erblüht, besingen.
Wenn Gott uns eine Stimme gab, dann doch zum Singen!

Bin ich dann eines Tages Asche, Staub und Nichts
Soll meine Nacht ein Morgendämmern sein,
soll ich mich dann verlieren..,um mich neu zu finden...
(S. 120)

Die schwermütige Lyrikerin Florbela Espanca (1894 -1930) beging nach mehreren gescheiterten Liebesbeziehungen Selbstmord.

Portugiesische Melancholie ist nicht ungefährlich, wie das Beispiel zeigt. Der Anspruch zu lieben ohne Maß, hätte es vierdient gehabt, ein langes Leben lang umgesetzt zu werden.

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension:Briefe bewegen die Welt, Bd 3 (Gebundene Ausgabe)

Dies ist der dritte Band mit Briefen, die die Welt bewegen. Diesmal steht Politik und Geschichte im Fokus. Nach einem kurzen Vorwort von Jürgen Gerdes, dem Konzernvorstand "Brief Deutsche Post DHL" und einer informativen Einleitung von Hellmuth Karasek, dem Herausgeber dieser Briefsammlung, hat man Gelegenheit bemerkenswerte Briefe unterschiedlicher Verfasser zu lesen. Unter diesen befinden sich Martin Luther, Bismarck, Königin Luise von Preußen, Helmuth James von Moltke, Willy Brandt, John F. Kennedy, Rudolf Augstein, Joschka Fischer und Peter Gauweiler.


Die Briefe sind teilweise handschriftlich, immer aber in Druckbuchstaben nachlesbar. Ferner hat man Gelegenheit Kurzbiografien der Briefeschreiber und der Empfänger dieser Briefe kennenzulernen und über die historischen bzw. politischen Hintergründe der Briefe Näheres in Erfahrung zu bringen. Schreiber und Empfänger sind übrigens durch Gemäldeabdrucke oder Fotos visualisiert. Autoren der die Briefe kommentierenden Texte und der Kurzbiografien sind die Redakteurin Sonja Wild und der Wirtschaftsjournalist Hans Pöllmann.

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension auf alle Briefe näher einzugehen. Hervorheben möchte ich eine Karte, die Ernst Georg Jünger am 25.7.1916 an seinen Sohn Ernst schrieb, der sich zu dieser Zeit an der Front befand. Der Brief ist erschreckend kühl gehalten, bedenkt man, dass der 21 jährige Sohn zu diesem Zeitpunkt Gefahr lief, jeden Moment erschossen zu werden.

Mich wundert, nachdem ich die Zeilen von Ernst Jüngers Vater gelesen habe, nicht mehr die Art und Weise wie Jünger den Krieg in "Stahlgewitter" beschrieb. Dieser Sohn musste gewissermaßen den 1. Weltkrieg als ästhetisches Naturereignis begreifen und konnte die Frage der Sinnhaftigkeit nicht stellen, wenn er, der nicht emanzipierte, brave Sohn seines Vaters bleiben und dessen Idealen die Ehre erweisen wollte. Das unterschied Ernst Jünger von Erich Maria Remarque, dem Verfasser von "Im Westen nichts Neues". Vielleicht sind die Werke und deren Betrachtungswinkel letztlich das Ergebnis unterschiedlicher Erziehungsideale ihrer Väter. Mir drängt sich der Verdacht jedenfalls auf. Nicht jeder Sohn schafft bereits in jungen Jahren die Emanzipation vom Vater. Mitunter bedarf es vieler Jahrzehnte. Ein weites Feld....

Extrem berührend sind die Briefe, den Helmuth James von Moltke an Freya von Moltke schrieb. Der Briefschreiber wurde von den Nazis nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 des Hochverrates angeklagt und am 23.1.1945 in Plötzensee hingerichtet. Mich wundert es nicht, dass in Terrorregimen es stets die besten Menschen sind, die hingerichtet werden. Sie bilden das Gewissen, dass es niederzuprügeln gilt.


Es führt zu weit, an dieser Stelle alle Briefe zu analysieren, obschon es mir beim Brief von Joschka Fischer an die Grünen, vom 30. Juli 1995 in den Fingern kribbelt. Auch einige andere Briefe eignen sich zur Grundlage langer Diskussionen, bis auf die "Emser Depesche vielleicht. Über die ist meines Erachtens schon genug geredet worden.

Interessant sind für mich die Handschriften. Sie sind überaus aufschlussreich, zeigen das seelische und geistige Befinden des Schreibers zum Zeitpunkt des Briefeschreibens.

Der handgeschriebene Brief Udo Lindenbergs an Erich Honecker vom 23.6.1987 hat mich belustigt. Dazu ist er auch noch lehrreich, denn er zeigt, wie man selbst mit Personen wie Honecker erfolgreich kommunizieren kann. Udo Lindenberg ist nicht nur ein großartiger Barde, sondern auch ein hervorragender Diplomat. Wer letzteres bezweifelt, sollte den Brief lesen.

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.