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Rezension: Ich träum' von meinem Garten - Poetische Blicke ins Grüne: Dichter und ihre Blicke ins Grüne (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch bestätigt, was all diejenigen wissen, die sich an den kleinen Paradiesen erfreuen können, die den Namen Garten tragen. Wer kleine Kinder im Garten beobachtet, kann sehen wie glücklich sie inmitten der Blütenpracht sind. Gärten regen zur Poesie in. Dichter in allen Jahrhunderten haben Blumen besungen und Gedichte aber auch kleine poetische Prosatexte, die die Stimmungen der Jahreszeiten wiedergeben, zu Papier gebracht.

Die Texte und die Gedichte im Buch sind mit Blumen- aber auch Schmetterlingsillustrationen hübsch gestaltet, die Abbildungen aus Beständen der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart zeigen.
Das Buch ist thematisch untergliedert in:

Gärten der Träume und Erinnerung
Gärten der Freude
Verzauberte Gärten
Gärten der Liebe
Gärtnerglück

Zu den Autoren zählen Homer, Plinius der Jüngere, Giovanni Boccaccio, Paul Gerhard, Joseph von Eichendorff, Max Dauthendey, Oscar Wilde, Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse und Elisabeth von Arnim.

Wer sich mit Goethe ein wenig beschäftigt hat, kennt dessen Liebe zum Garten. Gleich zu Beginn der Buches ist ein Textauszug aus einem Brief, den er am 7. 4.1789 in Palermo verfasst hat, abgedruckt, in dem er sich für Farben, Formen aber vor allem für den Duft eines öffentlichen Gartens dort begeistert. Zur Veranschaulichung zitiere ich eine kleine Passage: "Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein starker Duft, der sich über alles gleichförmig verbreitete, mit so merklicher Wirkung, dass die Gegenstände, auch nur einige Schritte hintereinander entfernt, sich entschiedener hellbau voneinander absetzten, so dass ihre eigentümliche Farbe zuletzt verlorenging oder wenigstens sehr überbläut sie sich dem Auge darstellten..."(S.10).

Plinus der Jüngere schreibt von seinem laurentinischen Gut, das ihm große Freude bereitet, von Freude schreibt auch Paul Gerhard in seinem zauberhaften Lied "Geh aus, mein Herz" und Elisabeth von Arnim beginnt einen kleinen Text mit den Worten "Ach, ich könnte vor Freude jauchzen und tanzen, dass der Frühling da ist. Dieses Wiedererwachen von Schönheit in meinem Garten und heller Zuversicht in meinem Herzen..."(S.52).

Helle Zuversicht im Herzen ist genau das, was ein schöner Garten auslöst und uns Sorgen, die jeder ab und an hat, für eine kurze Weile vergessen lässt.

Bei den vielen poetischen Texten fand ich einen, den ich hier wiedergeben möchte, weil er auf ganz wundervolle Weise deutlich macht, wie entspannend Momente sind, die man hellwach und bewusst in einem irdischen Paradies verbringen kann, wenn man sich ihm öffnet und trennende Mauern gedanklich zum Einsturz bringt.

Hinter hohen Mauern

Hinter hohen Mauern
hinter mir
liegt ein Paradies

Grüne, glitzernde Stachelbeersträucher,
eine Strohbude
und Bäume mit Glaskirschen

Niemand weiß von ihm.
An einem Halm
Klettert ein Marienkäferchen,
plumps, und fällt in goldgelbe Butterblumen.

Hilfreich neigen die Tausendschönchen,
Stiefmütterchen machen ein böses Gesicht.

Verschollen
Glänzen die Beete!
(Arno Holz)

Eines der ersten Gedichte, das ich in der Schule auswendig lernte- am Anfang der 3. Klasse, soweit ich mich erinnern kann, war Fontanes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland"( S.46). Dieses Gedicht veränderte damals meine Einstellung zum Tod. Er hatte nichts mehr Furchteinflößendes. Wenn ich mit meiner Mutter zum Friedhof ging, um die Gräber meines verstorbenen Bruders und meines Urgroßvaters zu gießen, lebten alle Toten auf dem Gottesacker von da an in den Blumen auf den Gräbern und je intensiver die Pracht war, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass es den Verstorbenenen gut ging.

Vertiefen Sie sich bitte einen Moment lang in folgende Gedichtzeilen von Max Dautheney:

"Die Schmetterlinge ziehen durch den Garten,
wie Blumen, die von ihren Stengeln fliehen..."

Was empfinden Sie, wenn sie sich das Geschehen bildlich vorstellen? Glück? Freiheit? Sehnsucht?

Ein Buch, das ich gerne empfehle.


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Rezension:Frankfurter Anthologie 34: Gedichte und Interpretationen (Gebundene Ausgabe)

Siegfried Lenz schreibt: "Am 15. Juni 1974 startete Marcel Reich-Ranicki ein in der Literaturgeschichte einmaliges Unternehmen: Unter dem Motto "Der Dichtung eine Gasse" stellt er seitdem in jeder Samstagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Gedichte aus sämtlichen Epochen deutscher Lyrik vor, jedes erläutert von einem namhaften Interpreten..."

Das vorliegende Buch enthält eine Auswahl solcher Gedichte und bemerkenswerter Interpretationen namhafter Intellektueller wie Peter von Matt, Eva Demski, Ulrich Greiner, Hans-Ulrich Treichel, Uwe Wittstock, Michael Braun und vielen anderen mehr.

Die ausgewählten Gedichte stammen von  Lyrikern wie Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Johann Wolfgang Goethe, Novalis, Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Detlev Liliencron, Else Lasker -Schüler, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Kurt Tucholsky, Berthold Brecht, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Mascha Kaléko, Durs Grünbein, um nur einige zu nennen.

Die Gedichtinterpretationen habe ich mit dem gleichen Genuss gelesen, wie die Gedichte selbst und mich gefreut, auf welche Weise sich die einzelnen Intellektuellen in die jeweiligen Gedichte hineingespürt haben. Poesie ist ja immer auch eine Sache des Gefühls, des Herzens, der Seele. Allzu verkopftes Herangehen macht eine gute Interpretation sofort unmöglich.

Die beiden Gedichte, die mir am besten gefallen haben, möchte ich hier wiedergeben, damit Sie erahnen, was Sie im Buch erwartet. Wie ich finde gehören diese beiden Gedichte in gewisser Weise zusammen. Sie könnten beinahe aus einer Feder stammen oder einen Dialog darstellen zwischen zwei Liebenden, die sich in unterschiedlichen Leben immer wieder lieben und "einander irren". Dabei fallen mir zwei Zeilen aus einem Gedicht Goethes ein, das allerdings im vorliegenden Band nicht enthalten ist: "Ach du warst in abgelebten Zeiten/ Meine Schwester oder meine Frau."

Von Goethe stammt übrigens das erste von mir ausgewählte Gedicht.
Er
Gedenkst du noch der Stunden
Wo eins zum andern drang

Sie
Wenn ich dich nicht gefunden
War mir der Tag so lang

Er
Dann, herrlich! Ein Selbander!
Wie es mich doch erfreut.

Sie
Wir irrten uns einander:
Es war eine schöne Zeit.
(Johann Wolfgang Goethe)

Michael Braun resümiert zu Recht, dass das Gedicht ein Gedenkblatt vom Schicksal der Liebe sei.

Das zweite Gedicht, das ich ausgewählt habe, stammt vom Mascha Kaléko, aber es könnte rein fiktiv auch von Charlotte von Stein stammen, die im dritten Leben an der Seite Goethes, erneut erkennen muss, dass sie und Goethe sich abermals "einander irrten", es jedoch zu schmerzen aufgehört hat. Charlotte weiß jetzt, dass sie nicht mehr an Goethe sterben wird. Nie mehr. In keinem ihrer zukünftigen Leben als Mascha, Sarah oder Rosa.

Das berühmte Gefühl
Als ich zum ersten Male starb
-Ich weiß noch, wie es war.
Ich starb so ganz für mich und still,
Das war zu Hamburg, im April,
Und ich war achtzehn Jahr.

Und als ich starb zum zweiten Mal,
Das sterben tat so weh.
Gar wenig hinterließ ich dir:
Mein klopfend Herz vor deiner Tür,
Die Fußspur rot im Schnee.

Doch als ich starb zum dritten Mal,
Da schmerzte es nicht sehr.
So altvertraut wie Bett und Brot
Und Kleid und Schuh war mir der Tod.
Nun sterbe ich nicht mehr.
(Mascha Kaléko)

Ich bin mir nicht sicher, dass, wie Treichel vermutet, das, was uns nicht umbringt, kalt oder stark macht. Ich denke eher es macht uns zurückhaltender. Wir lernen den Schmerz zu meiden und scheuen, diejenigen instinktiv, die ihn einst ausgelöst haben. Wir lernen ein Leben unter der Glasglocke zu schätzen und meiden das alte Herzens-Du, um sich nicht erneut "einander zu irren", um den ewigen Kreislauf "werde und stirb" und zu beenden.

Empfehlenswert.

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Rezension: Große Briefe der Freundschaft

Karin Maier hat nun den 3. Band mit Briefen großer Persönlichkeiten herausgegeben. Diesmal sind es keine Liebesbriefe, sondern es handelt sich um Briefe der Freundschaft. Maier setzt den ausgesuchten Briefen, darunter befinden sich Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Luther und Melanchthon, Briefe von Friedrich dem Großen an Voltaire, von Goethe und Schiller, von George Sand und Gustave Flaubert, von Liszt an Wagner, von Manet an Mallarmé, von Van Gogh an Gauguin und auch von Wagner und Ludwig II. von Bayern ein erhellendes, unbedingt lesenswertes Vorwort voran. 


Sie skizziert vor dem jeweiligen Briefwechsel stets die Beziehung der Schreiber zueinander, lässt dabei nicht unerwähnt, dass die Beziehung zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire nicht konfliktfrei verlief, dennoch dauerte die Freundschaft immerhin 40 Jahre an. Das aber ist normal für wirklich gute Freundschaften, die, sofern sie Konfliktzeiten überdauern, sich immer mehr vertiefen. Mich hat die Frische und Aufrichtigkeit des Briefes von Friedrich an Voltaire vom 8.8.1736 begeistert:"Habe ich auch nicht das Glück, sie persönlich zu kennen, so sind Sie mir doch durch ihre Werke bekannt genug. Das sind Geistesschätze, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Kunstwerke, die mit so viel Geschmack und Feinheit gebildet sind, dass ihre Schönheit sich bei jeder Lektüre in neuem Licht zeigen..."(Zitat. Seite 30). So schreibt der Jüngere an den Älteren..., so beginnt eine Freundschaft. Dem Freund vertraut er 40 Jahre später an: "Es ist noch immer meine Gewohnheit, mich nicht zu schonen. Je mehr man sich verwöhnt, umso empfindlicher und kraftloser wird man. Mein Beruf fordert Arbeit und Tätigkeit; Körper und Geist müssen sich der Pflicht unterordnen. Es ist nicht nötig, dass ich lebe, aber wohl, dass ich handele..."(Zitat.: S.42). Preußisch-protestantisches Arbeitsethos trifft auf französisch freien Geist und geht eine Freundschaft mit ihm ein, die sich nachweisbar unendlich befruchtet hat. Solche Zeugnisse nach bald 300 Jahren entgegengebracht zu bekommen, erfreut mich als Leserin und bestätigt meine Annahme, dass zwischen zwei Menschen mit analogem intellektuellen Niveau langandauernden Beziehungen immer möglich sind, sofern sich beide frei machen von persönlichen Eitelkeiten.


Die ausgewählten Briefe zwischen Goethe und Schiller habe ich mit großem Genuss gelesen. Goethe ist wie immer reichlich unterkühlt, Schiller wie immer voller Emotion: "Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, Ihnen acht Tage nichts zu sagen und nichts von Ihnen zu hören..."(Zitat, Schiller, Brief vom 13.9.1795, S.100). Die leichte sprachliche Unterkühlung des Frankfurters sagt nichts über die Beziehung Goethes zu Schiller aus. Goethe war immer so. Er schätze Schiller mehr als er sprachlich zum Ausdruck brachte.


Bei den Briefen zwischen Wagner und Ludwig von Bayern kommt mir sofort die Galle. Wagner war ein fürchterlicher Heuchler, der die Emotion des Bayernkönigs schamlos ausnutzte.


Was können wir aus den Briefen lernen? Das- wir wissen es ohnehin bereits- man mit Worten lügen kann, weit mehr als mit Gesten. Das macht Brieffreundschaften (auch Mailfreundschaften übrigens) so schwierig. Es entsteht mit der Zeit eine Nähe, von der wir nicht wissen, ob sie tatsächlich vorhanden ist oder nur ein Trugbild, ein Wunsch nach Freundschaft oder Liebe erfüllen soll.


Ich mag die Leichtigkeit des Briefwechsels zwischen George Sand und Flaubert. Sie beginnt ihre Briefe an Flaubert mit den Worten "Lieber alter Troubadour..", schon hier ahnt man den Esprit, der zwischen den Schreibern hin und- herpendelt und liest von der erfrischenden Neugierde "Erzähl mir doch, was Du in Paris so treibst, was Du siehst, was Du denkst...(George Sand, 23. Juli 1871, Zitat: S. 132).

Eine vortreffliche Briefauswahl. Empfehlenswert.

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Rezension: Briefe bewegen die Welt- Hellmuth Karasek

"Briefe bewegen die Welt" ist das zweite Buch der Herausgebers Hellmuth Karaseks, das Briefe namhafter Persönlichkeiten vorstellt. Diesmal sind es 22 Briefe, aus denen Liebe, Schicksal und Leidenschaft zu entnehmen sind, wie der Klappentext es zumindest verspricht.

Nach einem Vorwort von Jürgen Gerdes, dem Konzernvorstand "Brief Deutsche Post DHL", reflektiert Karasek in der Einleitung das Wesen von Briefen, die - nicht nur für ihn - neben Tagebüchern, die persönlichsten und privatesten Äußerungen und Entäußerungen von Menschen sind, welche sie schriftlich zum Ausdruck zu bringen vermögen.

Karasek schreibt an einer Stelle seines Vorwortes sehr zutreffend: "Briefe enthalten oft Wahrheiten, die für zwei bestimmt sind und die festhalten, was längst nicht mehr wahr sein muss." Genau diese Tatsache lässt mich stets nur zögerlich in Büchern veröffentlichte Briefe lesen, weil ich das Gefühl habe, etwas Unrechtes zu tun, wenn ich ohne Einverständnis der Schreiber mich der Texte bemächtige.

Unveröffentlichte Briefe Dritter würde ich niemals lesen, auch beim Lesen der Briefe hier in diesem Buch bleibt ein schaler Beigeschmack. Namhafte Persönlichkeiten müssen davon ausgehen, dass nach ihrem Tode ihr Briefwechsel veröffentlicht wird, sofern sie Gegenteiliges nicht schriftlich niederlegen. Insofern kann man ein wie auch immer geartetes Einverständnis mithin voraussetzen, beruhige ich mich. Ganz wohl ist mir nicht dabei.

Karasek veröffentlicht im Vorwort einen Brief an seine Eltern und erläutert diesen. So privat wie dieser Brief vordergründig erscheint, ist er allerdings nicht, denn es handelt sich um einen "Persilschein", der seine Eltern exkulpieren sollte, weil er, damals als junger Student, in den Westen geflüchtet ist. Karasek treibt also mithin keinen Verrat an seinen lange verstorbenen Eltern.

Jeweils eine Seite jedes einzelnen Briefes ist auch handschriftlich abgedruckt. Das gefällt mir sehr gut, weil mir die Schrift mehr über die Persönlichkeit des Schreibers verrät als die niedergeschriebenen Worte. Den Inhalt der einzelnen Briefe kann man dann in der Folge lesen. Ferner erhält man Informationen über die Beziehung des Absenders und Empfängers. Kurzbiographien von Absender und Empfänger sind auch vorhanden und Fotos ebenfalls.

Mich haben die Liebesbriefe am meisten berührt und hier vor allem der Brief Ingeborg Bachmanns an Paul Celan. Bachmann ist voller Rücksichtnahme im Hinblick auf die Ehefrau Celans. "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen" (...) und im gleichen Brief (...) "Wenn Du Ende November kommen könntest. Ich wünsche es mir", (Zitat: S.: 17). Diese Zerrissenheit zwischen Verantwortung gegenüber anderen Menschen und der Liebe zu einer Person, die man sich besser aus dem Herzen reißen sollte, berührt mich außerordentlich.

Ganz anders schreibt Marlene Dietrich an Erich Maria Remarque (...) "Ich schreibe Dir, weil ich akute Sehnsucht nach Dir habe - nicht die, die ich sonst habe." (Zitat: S.25). So schreibt eine sehr selbstbewusste Frau, die sich ihrer Sinnlichkeit und ihrer Anziehungskraft völlig bewusst ist und offenbar ausspricht, was sie fühlt. Sehr gut wird die Beziehung zwischen den beiden Emigranten erläutert. Die Beziehung soll stürmisch aber schwierig gewesen sein. Mein Eindruck ist, dass die beiden vortrefflich zueinander gepasst haben, weil sie aus gleichem Holz waren.
Heines Brief an seine Mutter zeigt durch wenige Worte, wie sehr er sie liebte.

Um tatsächliche Liebe oder Zuneigung werden bekanntnermaßen selten viele Worte gemacht, deshalb auch hat mich der schlichte Brief, den Jimi Hendrix an Uschi Obermaier schrieb, sehr berührt. "Aber die Gedanken an Dich sind sehr lebendig. Und vielleicht auch die Gefühle. Sogar meinen eigenen Gefühlen zu trauen, fällt mir schwer. Ständig werde ich verletzt. Aber bei Dir spüre ich etwas Echtes" (...) und weiter(...) "Ich wünschte, ich hätte mit Deinen Freunden bei Dir im Haus mehr gesprochen. Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte - Ich mag sie." (Zitat: Seite 105).
Hier schreibt ein sehr sensibler Mann, der fühlt, dass die schöne Frau, in die er sich verliebt hat, es ehrlich mit ihm meint und er will ihr sagen, dass er sie in seiner Gesamtheit mit ihren Freunden akzeptiert und nicht nur ihren Körper, wenn er von seiner Zuneigung spricht.

Jeder einzelne der im Buch ausgewählten Briefe ist sehr aussagestark, vielleicht hat mich der Brief von Claudia Kotter an Jürgen Vogel und die damit einhergehende Geschichte am nachhaltigsten beeindruckt, weil hier deutlich wird, wie sehr Menschen einander wirklich helfen können, wenn sie empathiefähig sind.
Empfehlenswert.
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Rezension: Die schönsten Frühlingsgedichte

In unserer virtuellen Welt spielen die Jahreszeiten für viele Menschen emotional betrachtet nur noch eine sekundäre Rolle. Frühlingsgefühle werden als Kitsch abgetan, alles Bunte wird in dieser Welt müde und "cool" belächelt, für die eine Dichterin wie Else Laske-Schüler mit ihren Gedanken so fremd ist wie ein ferner Stern.

Maienregen

Du hast deine warme Seele
Um mein verwittertes Herz geschlungen,
und all seine dunklen Töne
Sind wie ferner Donner verklungen

Aber es kann nicht mehr jauchzen
Mit seiner wilden Wunde,
Und wunschlos in deinem Arme
Liegt mein Mund auf deinem Munde

Und ich höre dich leise weinen,
Und es ist- die Nacht bewegt sich kaum-
Als fiele ein Mairegen
auf meinen greisen Traum.
(siehe S. 198)

Lassen Sie den Text ein paar Minuten auf sich wirken. Kennen Sie solche Gefühle?


Das ist eines der vielen Frühlingsgedichte in diesem Buch, welches der Herausgeber Michael Adrian in folgende Kapitel untergliedert hat:

1. Die linden Lüfte sind erwacht
2. Die Welt, ein Frühlingstraum
3. Es liebt sich so lieblich im Lenze
4. Es ist die Nachtigall die ganz lange gesungen
5. Es ist ein tiefes Frühlingsschauern als wie ein Auferstehungstag
6. Lustig leuchtet der Mai
7. Doch lächelnd stirbt der holde Lenz dahin

Die ausgewählten, rund 150 Gedichte sind von namhaften Dichtern verfasst worden. Zu diesen gehören u.a.: Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorf, Theodor Fontane, Clemens von Brentano, Nikolaus Lenau, Ludwig Uhland, Matthias Claudius, Novalis, Rainer Maria Rilke, Heinrich Heine, Karl Krolow, Mascha Kaléko und andere mehr.

Allen Dichtern gemeinsam ist, dass sie die emotionale Beschwingtheit, die sich bei poesiebegabten Menschen dann, wenn die Natur erwacht, nicht selten mit Melancholie mischt und allgemein als Frühlingsgefühl bezeichnet wird, sprachlich exzellent zum Ausdruck bringen können.

Heinrich Heine bringt dies in einem Vers eines seiner Frühlingsgedichte sehr schön auf den Punkt:

"Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei."
(siehe S. 193)

Die vielen Gedichte im Rahmen einer Rezension zu interpretieren, ist nicht möglich und es wäre vermessen eines der Gedichte zum schönsten Gedicht des Buches zu küren, denn jedes ist auf seine Art ein kleines Meisterwerk.

Nicht in alle sprachlich zum Ausdruck gebrachten Seelenbilder der im Buch veröffentlichten Dichter kann ich mich in gleicher Weise einfühlen. Heinrich Heine löst sofort Resonanz bei mir aus. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich:


In meiner Erinnerung
Die Bilder, die längst verwittert-
Was ist in deiner Stimme,
Das mich so tief erschüttert?

Sag nicht, dass du mich liebst!
Ich weiß, das Schönste auf Erden,
Der Frühling und die Liebe.
Es muss zu Schanden werden.

Sag nicht, das du mich liebst!
Und küsse nur und schweige
Und lächle, wenn ich dir morgen
Die welken Rosen zeige.
(siehe S. 108)
Dieses Buch empfehle ich sehr gerne.

PS: Zu Ende des Buches sind die Nachweise der einzelnen Gedichte aufgelistet.

Rezension: Mit Ringelnatz ans Meer

Der Lyriker Joachim Ringelnatz (7.8.1883- 17.11.1934) war u.a. Schiffsjunge und Matrose. Vor allem in München und Berlin trug er als Kabarettist seine eigenen, aus Absurdem und Tiefsinn, antibürgerlichem Protest, Groteske und Satire gemischten Gedichte im Moritaten- und Bänkelsangton vor.

Das Gedichtsbändchen enthält 25 seiner Gedichte, die Lust aufs Meer machen sollen. Diese Gedichte werden von Meer- und Strandfotos begleitet, auf denen u.a. Segelschiffe, ein hübsches Panoramabild von Hiddensee, ein Strandkorb, auf dem eine Möwe thront, eine lesende, barocke Strandschönheit, ein Seepferdchen, ein Leuchtturm, aber auch Kinder zu sehen sind. Die Bilder korrespondieren mit den Gedichten, die all jene, die Ringelnatz-Gedichte noch nicht kennen, gewiss neugierig auf diesen Lyriker machen.

Tiefsinn lässt der letzte Vers seines Gedichtes Segelschiffe erkennen: "Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie die Welt./Natur gewordene Planken/Sind Segelschiffe.- Ihr Anblick erhellt/Und weitet unsere Gedanken" (S.4). Sein Gedicht "Kindersand" finde ich ebenfalls sehr nachdenklich. Seine Verse, die den Seemann Kuttel Daddeldu thematisieren sind ämüsant.

Von den 25 Gedichten möchte ich das Gedicht mit dem Titel "Seepferdchen" wiedergeben, weil ich es für besonders phantasievoll halte und weil ich meine, dass es viel über den Menschen, der es verfasste, zum Ausdruck bringt.
Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,
Im vorigen Leben,
Wie war das wonnig, wunderbar
Unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
Wogte, wie Güte, das Haar
Der zierlichsten aller Seestuten,
Die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
Wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
Auf dass ich ihr folge, sie hasche,
Und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellt sich froh,
Schnappte nach einem Wasserfloh,
Und ringelte sich
An einem Stängelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
Du trägst ein farbloses Panzerkleid
Und hast ein bekümmerstes altes Leid.
Seetütchen! Schnörkelchen, Ringelnass!
Wann war wohl das?
Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?
Es ist beinahe so, dass ich weine-
Lollo hat das vertrocknete, kleine
Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.


Empfehlenswert.


Bild: ©TunavB


Rezension: Gedichte mit Kunstwerken ihrer Zeit

Dieses wunderschöne Buch enthält Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke. Diese Gedichte werden von zauberhaften Blumen- und Landschaftbildern begleitet, so dass das Buch in seinem Gesamtkonzept an ein Poesiealbum erinnert.

Gemälde und Aquarelle von Caspar David Friedrich, Heinrich Wilhelm Tischbein, Johann Ferdinand Waldmüller, Philipp Otto Runge, Carl Spitzweg, Gustav Klimt u.a. sorgen beim Leser dafür, sich in die Stimmung der Gedichte einzufinden. Goethes Liebesgedichte, auch seine Naturgedichte korrespondieren sehr gut mit den ausgesuchten Gemälden, wie etwa Caspar David Friedrichs "Auf dem Segler" oder "Der Mönch am Meer".

Tischbeins Gemälde "Goethe am Fenster der Römischen Wohnung am Corso" von 1787 wurde seinem Gedicht "Die Musageten" zugeordnet. Seine Frühlings- und Herbstgedichte haben auch den geeigneten Rahmen gefunden.

Vor einigen Zeit habe ich mich mit Schillers Lyrik ausführlich befasst und finde, dass die im Buch vorgestellten Gedichte eine gute Auswahl verkörpern. Mein Lieblingsgedicht fand ich auf Seite 49 abgedruckt. Ich erlaube mir den letzten Vers daraus hier zu zitieren:

"Deine Blicke- wenn sie Liebe lächeln,
Können Leben durch den Marmor fächeln
Felsadern Pulse leih`n
Träume werden um mich her zu Wesen,
Kann ich nur in deinen Augen lesen:
Laura. Laura mein!"

So kann nur ein hochgradig verliebter Mann schreiben.

Schiller fragt in einem anderen Gedicht (S. 48), fast ein wenig verzweifelt:

"Kann der Liebe süß Verlangen
Emma, kann`s vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen
Emma, kann`s die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut
Stirbt sie, wie ein irdisch Gut?"

Die Lyrik einer meiner Lieblingsdichter - Heinrich Heine - berührt mich dann besonders, wenn er traurige Liebesgedichte verfasst. Er weiß in vier Zeilen auf eindringliche Art seine Gefühle zu einer Frau zu formulieren:

"Ich habe dich geliebt und liebe dich noch!
Und fiele die Welt zusammen
Aus ihren Trümmern steigen doch
Hervor meiner Liebe Flammen."

Das Gedicht "Zuneigung" macht deutlich, dass dem Dichter stets die Möglichkeit bleibt, vergangene Liebesgefühle durch ein Gedicht für die Ewigkeit festzuhalten. " Verblichen und verweht sind längst die Träume,/ Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild/...." (S.98)

Spitzwegs witzige Bilder passen sehr sehr gut zu ironischen Gedichten Heines, in denen überbordende Gefühle leicht auf die Schippe genommen werden, wie etwa hier:" Das Fräulein stand am Meere/Und seufzte lang und bang,/Es rührte sie so sehre/ Der Sonnenuntergang.".... :-))

Ein großes Lob gilt der Auswahl der wundervollen Gedichte Rilkes. Dass bei seinem Gedicht "Die Liebenden" eine Ablichtung der Skulptur "Die Liebenden" von Auguste Rodin beigefügt wurde, finde ich sehr passend.

"Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
in ihren Adern wird alles Geist.
Ihre Gestalten beben wie Achsen,
um die es heiß und hinreißend kreist,
Dürstende, die sie bekommen zu trinken,
Wache und sieh: sie bekommen zu sehen.
Lass sie ineinander sinken,
um einander zu überstehn."
(S. 123)

Auf den letzten Seiten kann man Kurzbiografien der Dichter lesen und erfährt den Standort der Originale der im Buch abgelichteten Bilder und Skulpturen.

Ein wunderschönes Buch, das ich gerne empfehle.