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Rezension:Wiederworte: Gedichte (Gebundene Ausgabe)

Die Dichterin Ulla Hahn veröffentlichte vor 30 Jahren ihren ersten Lyrikband. Jetzt hat sie sich mit diesen Gedichten erneut auseinandergesetzt und stellt diesen lyrischen Texten, mit ihnen korrespondierende neue Gedichte gegenüber. Wie Hahn bereits zur Frankfurter Buchmesse 2011 auf dem sogenannten "blauen Sofa" kundtat und ich es nun abermals im Klappentext lesen kann, hat sie beim Studium der alten Gedichte entdeckt, dass ihr jüngeres poetisches Selbst ihr noch immer vertraut aber dennoch fremd sei. Sie gibt bei jedem neuen Gedicht, das jeweils einem alten gegenübergestellt ist, Wiederworte (nicht Widerworte), die man als Leser als geglückten Reflexionprozess wahrnimmt.

Hahn reflektiert in den neuen Gedichten also die alten Texte. Sie hat Abstand gewonnen, ist nachsichtig geworden. Man spürt, dass sie mit Klaus von Dohnanyi in einer guten Beziehung lebt, denn sie blickt ohne Bitterkeit auf vorangegangene Lieben, die ihr zuvor offenbar nicht selten Kummer bereitet haben und erinnert sich auch scheinbar sorgenloser Lieben, die nur einen Sommer lang andauerten, ohne eine Spur Wehmut. Jede neue Zeile beweist, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen hat.

In allen Gedichten zeigt Hahn viel von ihrem Wesen. Ihre Sensibilität ist ihr geblieben, doch sie wirkt kopfgesteuerter als vor dreißig Jahren. Man entnimmt den Gedichten, dass die Dichterin in den letzten Jahrzehnten viel nachgedacht hat und viele gute Gespräche führen konnte. Das hat sie reifen lassen, natürlich auch sprachlich.

Vielleicht hat sie das nachstehende Gedicht dem Mann gewidmet, an dessen Seite sie so geworden ist, wie die neuen Gedichte es dokumentieren, selbstbewusst, selbstsicher und angstfrei, was ihre kommenden Jahre anbelangt.

Gibt es eine männliche Ästhetik

Du hältst deine
Handflächen mir
vor die Augen:
Schau hinein sagst du.
Sieh nur
wie schön du bist
in meinen
von deinem
Leib und Liebkosen
gegerbten Händen.

Berührende Gedichte, die ich gerne weiterempfehle.
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Rezension:Blütenträume: Die Liebe in Bildern und Gedichten (Gebundene Ausgabe)

Dieser schöne Bildband enthält Ablichtungen von Aquarellen des 2004 verstorbenen Künstlers Oskar Koller, der u.a. als Gastprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg tätig war. Der Künstler wurde vielfach ausgezeichnet und erhielt zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland.

Neben den vielen farbenfreudigen Aquarellen, die in erster Linie Blumen zum Thema haben, enthält das Buch eine Fülle von Gedichten und auch kleine Prosatexte, die sich mit der Liebe und den Blumen als Zeichen dieses innigen Gefühls näher befassen.

Der Herausgeber Ulrich Mattejiet schreibt in seinem Vorwort, dass es die Blumen sind, die erotische Signale aussenden und durch ihre Farben und Düfte, eine ganz eigene Magie, die alle Menschen in ihren Bann zieht, aussendet. In allen Jahrhunderten haben die Dichter und Dichterinnen sich durch Blumen inspiriert gefunden, die elementare Kraft der Liebe zu besingen.

Die schönsten Gedichte und Prosatexte dieser Art kann man in diesem Buch nachlesen und sie in Beziehung zu den Aquarellen setzen. Die Texte stammen u.a. von Sappho, Catull, Erich Mühsam, Johann Wolfgang von Goethe, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Hafis und vielen anderen mehr und sind in sieben Abschnitte untergliedert.
Da ich seit einigen Tagen mal wieder völlig von Goethe eingenommen bin, berührte mich das Eingangsgedicht (ich kannte es bislang nicht), das von Goethe stammt und das er einst seiner Jugendliebe Friederike Brion schrieb, besonders.

Kleine Blumen, kleine Blätter

Streuen mit leichter Hand

Gute Frühlingsgötter

Tändelnd auf ein luftig Band



Mädchen, das wie ich empfindet,

Reich mir deine liebe Hand!

Und das Band, das uns verbindet,

Sei kein schwaches Rosenband.

Um was es in den Gedichten geht, kann man den Untertiteln entnehmen: Biblische Überlieferung und antike Liebesdichtung, sehnsuchtsvolle Erwartung, Liebe, Lenz und Leidenschaft, Lieder auf die Königin der Blumen, Sommerfreuden und Sommerträume, unheimliche Liebesbegegnungen und verblühende Liebe.

Ist man im fortgeschrittenen Alter, schreibt man seiner oder seinem Liebsten freilich kein Gedicht wie es Goethe an Friederike einst schrieb, aber man kann durchaus Gefallen an den bunten Sommerblumen Oskar Kollers finden, die ein Ausdruck eines jugendlichen Liebesgefühls sind.
Das Gedicht, das mich von allen am meisten fasziniert hat, ist folgendes:

Erkennen

Das Ross führt an den Hüften

Ein eingebranntes Zeichen,

Und am gespitzten Hute

Mag man den Parther kennen.



Mit einem Blick, so will ich

Die Liebenden erkennen:

Ein zartes Mal ist ihnen

Gezeichnet in die Seele.

(Anakreontische Dichtung, siehe Seite 23)

Die Aquarelle im Buch sind so farbenprächtig, dass sie pausenlos für gute Laune sorgen, auch wenn nicht alle Gedichte es im gleichen Maße tun. Dichter sind nicht selten melancholisch und so sind es auch ihre Gedichte, nicht nur wenn Herbstblumen darin vorkommen.
Doch denken wir nicht an die verblühende Liebe, sondern lieber an die Liebe im Mai, an den Blütenregen, an die Blütenträume und an das blaue Band, das Mörike durch die Lüfte flattern lässt.

Ein gelungenes Buch.
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Rezension: Gedichte und Lieder (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch enthält Gedichte und Lieder des indischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore (1861-1941). Er erhielt übrigens als erster Schriftsteller außerhalb des westlichen Kulturkreises den Literaturnobelpreis und zwar 1913.

Anhand einer Zeittafel, fast zum Ende des Buches, hat man Gelegenheit, sich einen Überblick über das Leben und Werk Tagores zu verschaffen, den man durch die dann folgende 12 seitige Einführung vertiefen kann. Hier liest man auch, dass der Dichter ein Leben in seiner ganzen Fülle erfahren hat und zwar das Glück eines harmonischen Familienlebens ebenso, wie die Trauer um seine frühverstorbene Gattin, die Höhen des Weltruhms und die Tragik, die eignen Kinder sterben zu sehen, die Freude vollkommene Gedichte und Lieder zu verfassen, zu reisen, mit den Großen der Welt im Briefkontrakt zu stehen, aber auch das Gefühl von Einsamkeit und Bedrückung in den letzten Lebensjahren, wie es in dem ein oder anderen Gedicht zum Ausdruck kommt, (vgl.: S.142).


Wissen sollte man, dass die Lyrik dieses Dichters aus dem Dreiklang Natur-Gott-Liebe besteht. Dies sind seine drei großen Themen, die einander beeinflussen und ineinander fließen, (vgl.: S.148).

Die Texte im Buch wurden, mit wenigen Ausnahmen, erstmals aus dem Bengalischen übersetzt. Sie sind chronologisch geordnet. Dem Gedicht- und Liederteil folgen viele Seiten mit erhellenden Anmerkungen.
Vorangestellt ist der Lyrik Tagores das Gedicht "Mir zur Feier" von Rilke. Die Verse des indischen Dichters Tagore sind sehr bildreich und lebensklug. In ihrer Tiefe gibt es Berührungspunkte zu vielen Versen Rilkes.

Die Gedichtsinhalte an dieser Stelle im Einzelnen zu analysieren, führt zu weit. Damit Sie wissen, was Sie erwartet, zitiere ich eines der Gedichte:
"Ich bin allein
Abend ist`s , ich bin allein

In Strömen fallen meine Tränen.

O Freund, kann es sein,

dass ich weine, nur ich?

Nein, auch deine Augen füllen sich.



Dir gehört tausendein Stern,

in deren Mitte wohnst Du, fern von mir, so fern.

Das kann ich nicht ertragen, niemals nie.

Ich hoffe, dass ich dich zu mir herunterzieh.

Denn bin ich allein, wirst auch du es sein."

Tagore spricht hier übrigens zu Krishna, (vgl.:S 124). Spricht man so mit seinem Gott?

Ich las dieser Tage eine Sentenz von Rousseau: "Nur in diesen Stunden der Einsamkeit ... bin ich ganz und gar ich selbst und gehöre mir allein; nur in diesen Stunden kann ich ehrlicherweise von mir behaupten zu sein, wie die Natur mich wollte" und denke, dass Menschen, die sich durch nichts aus der Seelenruhe bringen lassen und sich selbst genügen, die glücklichsten sind, weil sie ihre Einsamkeit, ihr Alleinsein genießen können, weil sie niemand, noch nicht einmal Gott, zu sich herunterziehen möchten. Das finde ich sehr sympathisch.
Empfehlenswert.


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Rezension:Liebesgedichte (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

"Liebe ist Vision (...),"Das Verlangen erfindet sie, es schüren sie Fasten und Kasteiung,/ Eifersucht stachelt sie an, Gewohnheit tötet sie." (Octavio Paz)

Das vorliegende Buch enthält Liebesgedichte der lateinamerikanischen Schriftstellers, Diplomaten und Nobelpreisträgers Octavia Paz. Als Studentin hatte ich die Gelegenheit, gemeinsam mit einigen Kommilitonen und unserem argentinischen Professor diesen beeindruckenden Menschen in Mexiko-City kennenzulernen. Wir hielten uns damals an einem Nachmittag in seiner Bibliothek auf, die zugleich sein Arbeitszimmer war. Die Bibliothek war in einem Glaspavillon im Garten untergebracht. Traumhaft.

Seine schöne Frau, Marie José Tramini, eine Französin, die ich in der Wohnung ebenfalls kennenlernte, war, wie Werner Fritsch im Nachwort des Gedichtbandes schreibt, seine große Liebe, Muse und das Objekt seiner Minne.

Für mich ist es besonders interessant, nach dem damaligen Eindruck, nun diese Liebesgedichte zu lesen, denn mir fiel schon damals auf, dass das Paar auffallend liebevoll miteinander umging. Für beide schien das, was zwischen ihnen stattfand, die große Liebe gewesen zu sein. Fritsch berichtet, dass sich Octavio und Marie in Indien das erste Mal getroffen und sich in Paris wiedergesehen haben. Wenn das kein schöner Anfang einer Liebe ist, was dann?

Dies sind die ersten Gedichte von Paz, die ich gelesen habe. Ich kann bislang nur seine hocheloquenten Essays zur Geschichte, Politik, zur Literatur, zur bildenden Kunst und zur mexikanischen Kultur.

Die Gedichte sind solch schönen Oberzeilen untergliedert, wie:
-Meine Augen bedecken mich mit meinem warmen Regen von Blicken
-Im Garten der Liebkosungen
-Ich öffne die Lippen deiner Nacht
-Das Herz ist ein Auge

Alle Gedichte sind von Leidenschaft, Erotik und dem Traum von innigster Gemeinsamkeit durchdrungen. So vermag nur ein Lateinamerikaner zu schreiben, dem es bei aller Reflektionsfähigkeit nicht an einer romantischen Ader mangelt.

Wie bewegt in ihrem Innern ist eine Frau, deren Geliebter zu ihr sagt:

"Meine Augen entdecken dich

nackt

und bedeckten dich

mit einem warmen Regen

von Blicken" ?

Sehr kurze und längere Liebesgedichte wechseln einander ab und bestätigen das, was ich als junge Frau in den Augen dieses Dichters erblickte. Eine Seele, die Liebe schenken möchte und Gelegenheit hatte, dies auch zu tun, weil ihr das Glück zuteil wurde, ihr Pendant - ihr Herzens-Du - zu finden. Gibt es eine größere Gnade auf Erden?

Empfehlenswert.

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Rezension:Bücher lieb' ich über alles - Gedichte und Zitate über das Lesen (Gebundene Ausgabe)

Dieses kleine Büchlein enthält Gedichte und Sentenzen, in denen die Verfasser das Lesen nicht nur thematisieren, sondern auch ein wenig glorifizieren, was ich keineswegs negativ sehe. Im Gegenteil.

Das Bändchen enthält eine Reihe sehr hübscher Illustrationen, die das Buch, die Schrift, die Buchstaben und die Köpfe, die Texte entwickeln, zeigen.

Autoren der Gedichte und Sentenzen sind u.a. Rainer Maria Rilke, Eduard Mörike, Dante Alighierie, Marcel Prévost, Francesco Petrarca, Ludwig Feuerbach, Seneca, Joachim Ringelnatz, Friedrich Nietzsche, Joseph Eichendorff, Franz Kafka, Christian Morgenstern...

Am meisten spricht mir wohl Francesco Petrarca (1304-1374) aus dem Herzen. Ich erlaube mir seinen Text hier zu zitieren:

"Ich kann mich an Büchern nicht sättigen;
Und habe ihrer doch wohl mehr als genug.
Aber wie mit anderen Dingen geht es hier:
Erfolgreiches Suchen wird zum neuen
Ansporn der Habsucht.
Ist es doch etwas Einzigartiges um Bücher!
Gold, Silber, edle Steine, Purpurkleider,
marmorne Paläste, Bildtafeln, reiche
Äcker, prächtig geschmückte Pferde und
alles dergleichen, es sind nur stumme
Und oberflächliche Genüsse.
Bücher aber erfreuen uns im innersten
Herzen, sie reden mit uns, raten uns,
sind uns verbunden in lebendiger,
inniger Gemeinschaft."
(S.14)

Wenn Jorge Luis Borges (1899-1989) schreibt: "Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt", kommt dies meiner Vorstellung vom Garten Eden sehr nahe, nur das es dort nicht nur Bücher, sondern auch ein Vielzahl schöner Blumen gibt.

In diesem Büchlein sind so zahllose bemerkenswert kluge Gedanken über Bücher versammelt, dass es für Bücherliebhaber eine reine Freude ist, darin zu lesen. Ideal für die Jacken- oder Handtasche.

Empfehlenswert.

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Rezension:Ich schwör' es dir bei Amors Bogen - Shakespeares schönste Liebesgedichte (Gebundene Ausgabe)

Dieses Bändchen wird nicht nur jenen gefallen, die Shakespeare zu schätzen wissen, sondern auch all den Lesern, die schönen Liebesgedichten, Liebesdialogen und Sentenzen über die Liebe etwas abgewinnen können.

Das sehr hübsch illustrierte Büchlein, in dem Amor, Tränen, Vögel, eine Sphinx, eine Leier und Blumen in weinrotem und goldenem Farbton bildlich dargestellt sind, enthält Textstellen aus dem "Sommernachtstraum", aus "Romeo und Julia", aus "Troilus und Cressida", aus "Wie es euch gefällt", aus "Viel Lärm um nichts", aus "Das Wintermärchen", aus "Liebes Leid und Liebes Lust", aus "Venus und Adonis", aus "Der Kaufmann von Venedig", aus "Antonius und Kleopatra", aus "Maß für Maß", aus "Hamlet" und einige überaus berührende Sonette.

Vielleicht sind wir Menschen in heutiger Zeit schon lange nicht mehr in die Lage, so wortreich über die Liebe zu sprechen, wie es in gebildeten Kreisen zu Shakespeares Zeiten und auch später noch üblich war. Doch wie groß jedoch werden Frauenaugen, wenn sie ein kleines Billett von ihrem Geliebten erhalten auf denen die Worte wie diese stehen: "Ich will in deinem Herzen leben, in deinem Schoß sterben, in deinen Augen begraben werden..."(Zitat aus "Viel Lärm um nichts", V,2")?

Bei Liebesgedichten, die bei Shakespeare in die Form eines Sonetts gegossen sind, wirken Gefühle auf den ersten Blick vielleicht immer ein bisschen gebändigt. Je länger man sich allerdings in die Inhalte vertieft, um so spürbarer wird die Intensität des Liebesgefühls, das aus den Versen auf teilweise sehr eigenwillige Art nach außen dringt.

Beispiel: Sonett 43

"Klar seh`ich erst, wenn sich mein Auge schließt,
Das auf des Tages Bilder gern verzichtet,
Doch wenn in Träumen es dein Bild genießt,
Dann ist es hell in Finsternis gerichtet.

Dein Schatten schon verklärt die dunkle Nacht,
Wie würdest Du mich leibhaft erst beglücken,
Am hellen Tag mit deiner hellern Pracht,
Wenn schon dein Abglanz kann entzücken!

Oh, dürft ich am lebend`gen Tag dich schauen,
Mein Auge wäre gnadenreich begabt,
Wenn schon dein Umriss in der Nächte Grauen,
Mit holdem Schein geschlossne Augen labt!

Nacht ist der Tag, der mir dein Bild entzieht,
Und Tag die Nacht, die dich im Traume sieht."

(Nachlesbar auf Seite 14.)


Die Auswahl an Liebesgedanken von Shakespeare ist in diesem Bändchen wirklich gelungen.

Empfehlenswert.

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Rezension:Goethe/Schiller Der Briefwechsel: Eine Auswahl (Broschiert)

"Es ist mir sehr lieb zu hören, dass ich Ihnen meine Gedanken über jene zwei Punkte habe klar machen können und dass Sie Rücksicht darauf nehmen wollen. Dass, was Sie Ihren realistischen Tic nennen, sollen Sie dabei gar nicht verleugnen. Auch das gehört zu Ihrer poetischen Individualität und in den Grenzen von dieser müssen Sie ja bleiben, alle Schönheit in dem Werke muss Ihre Schönheit bleiben."(Auszug aus einem Brief von Schiller an Goethe, vom 9 - 11. Juli 1796), siehe S. 139) Diese Sätze sind ein Beispiel für Respekt und Toleranz, die so manchem Intellektuellen ein Lehrbeispiel im Umgang mit den geistigen Produkten seiner Kollegen sein könnten. Finden Sie nicht auch?

Der Philosoph Dr. Rüdiger Safranski ist der Herausgeber dieser Auswahl des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller. Er auch hat das umfangreiche und erhellende Vorwort verfasst, in das man sich zwingend vertiefen sollte, um die Beziehung der beiden Briefschreiber besser zu verstehen.
Bei den Briefen handelt es sich um solche aus den Jahren von 1794 bis 1805.

Safranski berichtet eingangs wie mühsam sich die Freundschaft zwischen diesen beiden Geistesgrößen entwickelte und er fragt ein wenig ketzerisch gleich zu Beginn: "War es wirklich Freundschaft, was Goethe und Schiller vom Sommer 1794 an bis zu Schillers Tod am 9. Mai 1805 miteinander verband?" (Zitat: S.7).

Mich hat nie wirklich interessiert, ob die die Beziehung, die Goethe oder Schiller miteinander pflegten, wirklich Freundschaft war, sondern immer nur, wie sehr die beiden durch ihre Beziehung in ihrem Tun beeinflusst wurden. Goethe schrieb an Herders Sohn- Safranski lässt es uns wissen -,dass es besser wäre, wenn man sich mit Freunden "nur von einer Seite verbände, von der sie wirklich mit uns harmonieren und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen", (vgl. Seite 8/9). Eine typische Aussage für den alten Pragmatiker und Nützlichkeitsdenker Goethe, (das meine ich keineswegs negativ). Beziehungen sollten beiden etwas bringen und das tun sie dann, wenn man die Berührungspunkte kreativ nützt und sich nicht in idiotischen Grabenkämpfe aufreibt, die sich oftmals dort einstellen, wo Gegensätzliches aufeinander trifft.

Wenn zwei Alphatiere am gleichen Ort leben, können sie sich bekriegen - dann aber sind sie töricht - oder wie Goethe und Schiller es taten aufeinander zu gehen und ihre Fähigkeiten für eine höhere Sache in eine gemeinsame Waagschale werfen. Safranski analysiert zu recht, dass die beiden sich halfen, ihre eigenen Möglichkeiten zu entfalten und genau dies kann man den vorliegenden Briefen entnehmen. "Man wollte sich nicht einander angleichen, sondern jeweils das eigene in Bestform bringen", (Zitat Safranski: S.9). Nicht uninteressant, dass Schiller die Beziehung zu Goethe als ein "auf wechselseitige Perfektibilität gebautes Verhältnis" beschrieb. Die beiden Dichter waren sich also einig, wohin die Reise ihrer "freundschaftlichen Beziehung" hingehen sollte. Dass Schillers Gemahlin mit Goethes gesellschaftlich unpassender Lebensgefährtin gewisse Probleme hatte, ist dabei unerheblich.

In den Briefen erfährt man von dem intellektuell fruchtbaren Miteinander der beiden großen Dichter, die den Lesern zeigen, wie viel Kreatives sich aus einer guten intellektuellen Beziehungen ergeben kann, auch wenn man ideologisch nicht immer einer Meinung ist und sich zudem im Wesen sogar sehr voneinander unterschiedet. Der gute Wille, voneinander zu lernen und sein Ego nicht im Vordergrund zu sehen, macht es möglich, dass sich produktive Kräfte potenzieren, wie dieses Weimarer Beispiel zeigt.

Von Goethe und Schiller zu lernen, heißt sich zu bemühen, klug zu werden. Das kann nicht das Schlechteste sein, oder ?
Empfehlenswert.


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