Rezension: Mit Ringelnatz ans Meer

Der Lyriker Joachim Ringelnatz (7.8.1883- 17.11.1934) war u.a. Schiffsjunge und Matrose. Vor allem in München und Berlin trug er als Kabarettist seine eigenen, aus Absurdem und Tiefsinn, antibürgerlichem Protest, Groteske und Satire gemischten Gedichte im Moritaten- und Bänkelsangton vor.

Das Gedichtsbändchen enthält 25 seiner Gedichte, die Lust aufs Meer machen sollen. Diese Gedichte werden von Meer- und Strandfotos begleitet, auf denen u.a. Segelschiffe, ein hübsches Panoramabild von Hiddensee, ein Strandkorb, auf dem eine Möwe thront, eine lesende, barocke Strandschönheit, ein Seepferdchen, ein Leuchtturm, aber auch Kinder zu sehen sind. Die Bilder korrespondieren mit den Gedichten, die all jene, die Ringelnatz-Gedichte noch nicht kennen, gewiss neugierig auf diesen Lyriker machen.

Tiefsinn lässt der letzte Vers seines Gedichtes Segelschiffe erkennen: "Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie die Welt./Natur gewordene Planken/Sind Segelschiffe.- Ihr Anblick erhellt/Und weitet unsere Gedanken" (S.4). Sein Gedicht "Kindersand" finde ich ebenfalls sehr nachdenklich. Seine Verse, die den Seemann Kuttel Daddeldu thematisieren sind ämüsant.

Von den 25 Gedichten möchte ich das Gedicht mit dem Titel "Seepferdchen" wiedergeben, weil ich es für besonders phantasievoll halte und weil ich meine, dass es viel über den Menschen, der es verfasste, zum Ausdruck bringt.
Seepferdchen

Als ich noch ein Seepferdchen war,
Im vorigen Leben,
Wie war das wonnig, wunderbar
Unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
Wogte, wie Güte, das Haar
Der zierlichsten aller Seestuten,
Die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
Wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
Auf dass ich ihr folge, sie hasche,
Und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellt sich froh,
Schnappte nach einem Wasserfloh,
Und ringelte sich
An einem Stängelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
Du trägst ein farbloses Panzerkleid
Und hast ein bekümmerstes altes Leid.
Seetütchen! Schnörkelchen, Ringelnass!
Wann war wohl das?
Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?
Es ist beinahe so, dass ich weine-
Lollo hat das vertrocknete, kleine
Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.


Empfehlenswert.


Bild: ©TunavB


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