Rezension: Briefe bewegen die Welt- Hellmuth Karasek

"Briefe bewegen die Welt" ist das zweite Buch der Herausgebers Hellmuth Karaseks, das Briefe namhafter Persönlichkeiten vorstellt. Diesmal sind es 22 Briefe, aus denen Liebe, Schicksal und Leidenschaft zu entnehmen sind, wie der Klappentext es zumindest verspricht.

Nach einem Vorwort von Jürgen Gerdes, dem Konzernvorstand "Brief Deutsche Post DHL", reflektiert Karasek in der Einleitung das Wesen von Briefen, die - nicht nur für ihn - neben Tagebüchern, die persönlichsten und privatesten Äußerungen und Entäußerungen von Menschen sind, welche sie schriftlich zum Ausdruck zu bringen vermögen.

Karasek schreibt an einer Stelle seines Vorwortes sehr zutreffend: "Briefe enthalten oft Wahrheiten, die für zwei bestimmt sind und die festhalten, was längst nicht mehr wahr sein muss." Genau diese Tatsache lässt mich stets nur zögerlich in Büchern veröffentlichte Briefe lesen, weil ich das Gefühl habe, etwas Unrechtes zu tun, wenn ich ohne Einverständnis der Schreiber mich der Texte bemächtige.

Unveröffentlichte Briefe Dritter würde ich niemals lesen, auch beim Lesen der Briefe hier in diesem Buch bleibt ein schaler Beigeschmack. Namhafte Persönlichkeiten müssen davon ausgehen, dass nach ihrem Tode ihr Briefwechsel veröffentlicht wird, sofern sie Gegenteiliges nicht schriftlich niederlegen. Insofern kann man ein wie auch immer geartetes Einverständnis mithin voraussetzen, beruhige ich mich. Ganz wohl ist mir nicht dabei.

Karasek veröffentlicht im Vorwort einen Brief an seine Eltern und erläutert diesen. So privat wie dieser Brief vordergründig erscheint, ist er allerdings nicht, denn es handelt sich um einen "Persilschein", der seine Eltern exkulpieren sollte, weil er, damals als junger Student, in den Westen geflüchtet ist. Karasek treibt also mithin keinen Verrat an seinen lange verstorbenen Eltern.

Jeweils eine Seite jedes einzelnen Briefes ist auch handschriftlich abgedruckt. Das gefällt mir sehr gut, weil mir die Schrift mehr über die Persönlichkeit des Schreibers verrät als die niedergeschriebenen Worte. Den Inhalt der einzelnen Briefe kann man dann in der Folge lesen. Ferner erhält man Informationen über die Beziehung des Absenders und Empfängers. Kurzbiographien von Absender und Empfänger sind auch vorhanden und Fotos ebenfalls.

Mich haben die Liebesbriefe am meisten berührt und hier vor allem der Brief Ingeborg Bachmanns an Paul Celan. Bachmann ist voller Rücksichtnahme im Hinblick auf die Ehefrau Celans. "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen" (...) und im gleichen Brief (...) "Wenn Du Ende November kommen könntest. Ich wünsche es mir", (Zitat: S.: 17). Diese Zerrissenheit zwischen Verantwortung gegenüber anderen Menschen und der Liebe zu einer Person, die man sich besser aus dem Herzen reißen sollte, berührt mich außerordentlich.

Ganz anders schreibt Marlene Dietrich an Erich Maria Remarque (...) "Ich schreibe Dir, weil ich akute Sehnsucht nach Dir habe - nicht die, die ich sonst habe." (Zitat: S.25). So schreibt eine sehr selbstbewusste Frau, die sich ihrer Sinnlichkeit und ihrer Anziehungskraft völlig bewusst ist und offenbar ausspricht, was sie fühlt. Sehr gut wird die Beziehung zwischen den beiden Emigranten erläutert. Die Beziehung soll stürmisch aber schwierig gewesen sein. Mein Eindruck ist, dass die beiden vortrefflich zueinander gepasst haben, weil sie aus gleichem Holz waren.
Heines Brief an seine Mutter zeigt durch wenige Worte, wie sehr er sie liebte.

Um tatsächliche Liebe oder Zuneigung werden bekanntnermaßen selten viele Worte gemacht, deshalb auch hat mich der schlichte Brief, den Jimi Hendrix an Uschi Obermaier schrieb, sehr berührt. "Aber die Gedanken an Dich sind sehr lebendig. Und vielleicht auch die Gefühle. Sogar meinen eigenen Gefühlen zu trauen, fällt mir schwer. Ständig werde ich verletzt. Aber bei Dir spüre ich etwas Echtes" (...) und weiter(...) "Ich wünschte, ich hätte mit Deinen Freunden bei Dir im Haus mehr gesprochen. Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte - Ich mag sie." (Zitat: Seite 105).
Hier schreibt ein sehr sensibler Mann, der fühlt, dass die schöne Frau, in die er sich verliebt hat, es ehrlich mit ihm meint und er will ihr sagen, dass er sie in seiner Gesamtheit mit ihren Freunden akzeptiert und nicht nur ihren Körper, wenn er von seiner Zuneigung spricht.

Jeder einzelne der im Buch ausgewählten Briefe ist sehr aussagestark, vielleicht hat mich der Brief von Claudia Kotter an Jürgen Vogel und die damit einhergehende Geschichte am nachhaltigsten beeindruckt, weil hier deutlich wird, wie sehr Menschen einander wirklich helfen können, wenn sie empathiefähig sind.
Empfehlenswert.
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