Rezension:Frankfurter Anthologie 34: Gedichte und Interpretationen (Gebundene Ausgabe)

Siegfried Lenz schreibt: "Am 15. Juni 1974 startete Marcel Reich-Ranicki ein in der Literaturgeschichte einmaliges Unternehmen: Unter dem Motto "Der Dichtung eine Gasse" stellt er seitdem in jeder Samstagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Gedichte aus sämtlichen Epochen deutscher Lyrik vor, jedes erläutert von einem namhaften Interpreten..."

Das vorliegende Buch enthält eine Auswahl solcher Gedichte und bemerkenswerter Interpretationen namhafter Intellektueller wie Peter von Matt, Eva Demski, Ulrich Greiner, Hans-Ulrich Treichel, Uwe Wittstock, Michael Braun und vielen anderen mehr.

Die ausgewählten Gedichte stammen von  Lyrikern wie Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Johann Wolfgang Goethe, Novalis, Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Detlev Liliencron, Else Lasker -Schüler, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Kurt Tucholsky, Berthold Brecht, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Mascha Kaléko, Durs Grünbein, um nur einige zu nennen.

Die Gedichtinterpretationen habe ich mit dem gleichen Genuss gelesen, wie die Gedichte selbst und mich gefreut, auf welche Weise sich die einzelnen Intellektuellen in die jeweiligen Gedichte hineingespürt haben. Poesie ist ja immer auch eine Sache des Gefühls, des Herzens, der Seele. Allzu verkopftes Herangehen macht eine gute Interpretation sofort unmöglich.

Die beiden Gedichte, die mir am besten gefallen haben, möchte ich hier wiedergeben, damit Sie erahnen, was Sie im Buch erwartet. Wie ich finde gehören diese beiden Gedichte in gewisser Weise zusammen. Sie könnten beinahe aus einer Feder stammen oder einen Dialog darstellen zwischen zwei Liebenden, die sich in unterschiedlichen Leben immer wieder lieben und "einander irren". Dabei fallen mir zwei Zeilen aus einem Gedicht Goethes ein, das allerdings im vorliegenden Band nicht enthalten ist: "Ach du warst in abgelebten Zeiten/ Meine Schwester oder meine Frau."

Von Goethe stammt übrigens das erste von mir ausgewählte Gedicht.
Er
Gedenkst du noch der Stunden
Wo eins zum andern drang

Sie
Wenn ich dich nicht gefunden
War mir der Tag so lang

Er
Dann, herrlich! Ein Selbander!
Wie es mich doch erfreut.

Sie
Wir irrten uns einander:
Es war eine schöne Zeit.
(Johann Wolfgang Goethe)

Michael Braun resümiert zu Recht, dass das Gedicht ein Gedenkblatt vom Schicksal der Liebe sei.

Das zweite Gedicht, das ich ausgewählt habe, stammt vom Mascha Kaléko, aber es könnte rein fiktiv auch von Charlotte von Stein stammen, die im dritten Leben an der Seite Goethes, erneut erkennen muss, dass sie und Goethe sich abermals "einander irrten", es jedoch zu schmerzen aufgehört hat. Charlotte weiß jetzt, dass sie nicht mehr an Goethe sterben wird. Nie mehr. In keinem ihrer zukünftigen Leben als Mascha, Sarah oder Rosa.

Das berühmte Gefühl
Als ich zum ersten Male starb
-Ich weiß noch, wie es war.
Ich starb so ganz für mich und still,
Das war zu Hamburg, im April,
Und ich war achtzehn Jahr.

Und als ich starb zum zweiten Mal,
Das sterben tat so weh.
Gar wenig hinterließ ich dir:
Mein klopfend Herz vor deiner Tür,
Die Fußspur rot im Schnee.

Doch als ich starb zum dritten Mal,
Da schmerzte es nicht sehr.
So altvertraut wie Bett und Brot
Und Kleid und Schuh war mir der Tod.
Nun sterbe ich nicht mehr.
(Mascha Kaléko)

Ich bin mir nicht sicher, dass, wie Treichel vermutet, das, was uns nicht umbringt, kalt oder stark macht. Ich denke eher es macht uns zurückhaltender. Wir lernen den Schmerz zu meiden und scheuen, diejenigen instinktiv, die ihn einst ausgelöst haben. Wir lernen ein Leben unter der Glasglocke zu schätzen und meiden das alte Herzens-Du, um sich nicht erneut "einander zu irren", um den ewigen Kreislauf "werde und stirb" und zu beenden.

Empfehlenswert.

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Rezension: Große Briefe der Freundschaft

Karin Maier hat nun den 3. Band mit Briefen großer Persönlichkeiten herausgegeben. Diesmal sind es keine Liebesbriefe, sondern es handelt sich um Briefe der Freundschaft. Maier setzt den ausgesuchten Briefen, darunter befinden sich Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Luther und Melanchthon, Briefe von Friedrich dem Großen an Voltaire, von Goethe und Schiller, von George Sand und Gustave Flaubert, von Liszt an Wagner, von Manet an Mallarmé, von Van Gogh an Gauguin und auch von Wagner und Ludwig II. von Bayern ein erhellendes, unbedingt lesenswertes Vorwort voran. 


Sie skizziert vor dem jeweiligen Briefwechsel stets die Beziehung der Schreiber zueinander, lässt dabei nicht unerwähnt, dass die Beziehung zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire nicht konfliktfrei verlief, dennoch dauerte die Freundschaft immerhin 40 Jahre an. Das aber ist normal für wirklich gute Freundschaften, die, sofern sie Konfliktzeiten überdauern, sich immer mehr vertiefen. Mich hat die Frische und Aufrichtigkeit des Briefes von Friedrich an Voltaire vom 8.8.1736 begeistert:"Habe ich auch nicht das Glück, sie persönlich zu kennen, so sind Sie mir doch durch ihre Werke bekannt genug. Das sind Geistesschätze, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Kunstwerke, die mit so viel Geschmack und Feinheit gebildet sind, dass ihre Schönheit sich bei jeder Lektüre in neuem Licht zeigen..."(Zitat. Seite 30). So schreibt der Jüngere an den Älteren..., so beginnt eine Freundschaft. Dem Freund vertraut er 40 Jahre später an: "Es ist noch immer meine Gewohnheit, mich nicht zu schonen. Je mehr man sich verwöhnt, umso empfindlicher und kraftloser wird man. Mein Beruf fordert Arbeit und Tätigkeit; Körper und Geist müssen sich der Pflicht unterordnen. Es ist nicht nötig, dass ich lebe, aber wohl, dass ich handele..."(Zitat.: S.42). Preußisch-protestantisches Arbeitsethos trifft auf französisch freien Geist und geht eine Freundschaft mit ihm ein, die sich nachweisbar unendlich befruchtet hat. Solche Zeugnisse nach bald 300 Jahren entgegengebracht zu bekommen, erfreut mich als Leserin und bestätigt meine Annahme, dass zwischen zwei Menschen mit analogem intellektuellen Niveau langandauernden Beziehungen immer möglich sind, sofern sich beide frei machen von persönlichen Eitelkeiten.


Die ausgewählten Briefe zwischen Goethe und Schiller habe ich mit großem Genuss gelesen. Goethe ist wie immer reichlich unterkühlt, Schiller wie immer voller Emotion: "Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, Ihnen acht Tage nichts zu sagen und nichts von Ihnen zu hören..."(Zitat, Schiller, Brief vom 13.9.1795, S.100). Die leichte sprachliche Unterkühlung des Frankfurters sagt nichts über die Beziehung Goethes zu Schiller aus. Goethe war immer so. Er schätze Schiller mehr als er sprachlich zum Ausdruck brachte.


Bei den Briefen zwischen Wagner und Ludwig von Bayern kommt mir sofort die Galle. Wagner war ein fürchterlicher Heuchler, der die Emotion des Bayernkönigs schamlos ausnutzte.


Was können wir aus den Briefen lernen? Das- wir wissen es ohnehin bereits- man mit Worten lügen kann, weit mehr als mit Gesten. Das macht Brieffreundschaften (auch Mailfreundschaften übrigens) so schwierig. Es entsteht mit der Zeit eine Nähe, von der wir nicht wissen, ob sie tatsächlich vorhanden ist oder nur ein Trugbild, ein Wunsch nach Freundschaft oder Liebe erfüllen soll.


Ich mag die Leichtigkeit des Briefwechsels zwischen George Sand und Flaubert. Sie beginnt ihre Briefe an Flaubert mit den Worten "Lieber alter Troubadour..", schon hier ahnt man den Esprit, der zwischen den Schreibern hin und- herpendelt und liest von der erfrischenden Neugierde "Erzähl mir doch, was Du in Paris so treibst, was Du siehst, was Du denkst...(George Sand, 23. Juli 1871, Zitat: S. 132).

Eine vortreffliche Briefauswahl. Empfehlenswert.

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