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Rezension:Du bist mein Wunsch und mein Gedanke: Liebesgedichte (Broschiert)

Als erster in der deutschen Philosophie betonte Immanuel Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft" (1793) die " zwecklose Zweckmäßigkeit" des Schönen und das " interessenlose Wohlgefallen" bei seiner Betrachtung und Wahrnehmung. " Ein jeder muss eingestehen, dass dasjenige Urteil über Schönheit, worin sich das meiste Interesse mengt, sehr parteiisch und kein reines Geschmacksurteil ist." Goethe und Schiller schlossen sich der Kant`schen Definition an. So sagt Goethe " Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben" und erklärt an anderer Stelle den Unterschied zwischen der Schönheit der Naturgegenstände und der Schönheit eines Kunstgebildes: " Die Natur ist schön, bis an eine gewisse Grenze. Die Kunst ist schön durch ein gewisses Maß. Die Naturschönheit ist den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen, die Kunstschönheit den Gesetzen des höchstgebildeten menschlichen Geistes, jene scheint uns darum gleichsam gebunden, diese gleichsam frei."

Reclam wirbt auf der Rückseite des vorliegenden Büchleins mit folgendem Satz für das Produkt: " Die 50 schönsten und berühmtesten Liebesgedichte der deutschen Literatur, vom Falkenlied des Kürenbergs aus dem 12. Jahrhundert bis zu den Gedichten von Sarah Kirsch und Ulla Hahn."

Schließt man sich Kants Definition des Schönen an, ist es nicht notwendig zu hinterfragen, ob es sich bei diesen Gedichten tatsächlich um die schönsten handelt, bzw. ob diese Gedichte nun auch wirklich schön sind, denn man weiß es sind immer nur höchst parteiische Werturteile über die zu diskutieren nur zänkisch veranlagte Menschen Freude finden. Lässt man Kants Satz auf sich wirken, erkennt man, dass jede Form von Beckmesserei nicht angebracht , sondern bloßer Ausdruck von Kleingeistigkeit ist. Wer aber möchte schon als kleingeistig gelten?

Hans Wagner legt bei seine Gedichtsauswahl ein verstärktes Gewicht auf die Liebeslyrik des 20. Jahrhunderts und begründet dies damit, dass diese Lyrik dem Leser näher stünde als früherer Epochen. Dies hindert ihn allerdings nicht Gedichte von Walter von der Vogelweide, Paul Fleming, Klopstock und vielen anderen ebenfalls vorzustellen. Legte Heinrich Heine noch Wert auf die Balance sentimentaler Innerlichkeit und ironischer Distanz, wird sich später primär Illusionslosigkeit und die Reduktion der Gefühle in Liebesgedichten niederschlagen. Die Liebe scheint nun vom Alltag zerrieben zu werden. Jetzt werden verstärkt Einsamkeit, Verlassenheit und Untreue thematisiert.

Können solche Liebesgedichte noch schön sein? In Wagners Augen aber auch in meinen sehr wohl. Beurteilen sie jedoch bitte selbst. In meiner Rezension zu Brecht-Gedichten habe ich dessen " Die Liebenden" bereits vorgestellt und möchte den Inhalt ebensowenig wiederholen wie Rilkes "Liebes-Lied", das ebenfalls von mir bereits thematisiert worden ist. Diese beide Gedichte gehören zu meinen persönlichen Favoriten.

Wagner weist darauf hin, dass mittlerweile ebenso viele Frauen , wie Männer Liebesgedichte schreiben. Dies war leider nicht immer so. Folgendes Gedicht einer Frau möchte deshalb ich an dieser Stelle vorstellen, es aber deshalb keineswegs über die andere 49 Gedichte erheben.

Ein Liebeslied

Komm zu mir in der Nacht- wir schlafen engverschlungen
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich von allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen...

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wie wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen.
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Elke Lasker-Schüler( 1869-1945)

Schön, nicht wahr?

Im Anschluss an die 50 Gedichte findet sich ein Verzeichnis der Autoren und Druckverlage, das ihnen Vorschläge zu Weiterlesen unterbreitet.

Kurze Bemerkung zum Schluss: Gut gewählt ist das Motiv auf dem Buchdeckel: "Der Kuss" von Gustav Klimt! Ist doch ein Liebesgedicht schließlich ein gedanklicher Kuss, der den erhofften tatsächlichen vorwegnimmt.

Empfehlenswert.

Rezension:Wer es könnte (Gebundene Ausgabe)

Ich glaube, dass sie blühen werden/- innen ist grün-/ dass du mich liebst/ und es verschweigst./ ( Hilde Domin),
Ich möchte von den Dingen, die ich sehe
wie von dem Blitz
gespalten werden
Ich will nicht, dass sie vorüberziehen
farblos bunte
sie schwimmen auf meiner Netzhaut
sie treiben vorbei
in die dunkle Stelle

am Ende der Erinnerung
(Hilde Domin)

Dieser Gedichtsband enthält ausgewählte Gedichte der Dichterin Hilde Domin (1909-2006). Sie zählt zu einer der wichtigsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Studiert hatte sie einst Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Ab 1932 lebte die Jüdin im Exil in Rom, heiratete dort 1936, um später zunächst in England, dann in den USA und schließlich in der Domikanischen Republik zu leben. Erst 1951 begann sie Gedichte zu schreiben, die später in insgesamt 22 Sprachen übersetzt wurden. Wie man dem Vorwort von Marion Tauschwitz entnehmen kann, hat die Lyrikerin die Grundgedanken aus Spinozas Philosophie in ihre Gedichte eingeflochten. Ihr Leben lang blieb die Dichterin eine Suchende, das zeigt sich sehr deutlich in den augewählten Gedichten.

Des Weiteren enthält das Aquarelle des 1935 geborenen Künstlers Andreas Felger. Sein Werk umfasst Farbholzschnitte, Aquarelle, Ölmalerei, Skulpturen, Holzreliefs und Glasfenster.

Wie man den Eingangsworten Oliver Kohlers, mit er Überschrift "Alphabet der Hoffnung" entnehmen kann, begegnen sich in diesem Buch die beiden Künstler als Eigenständige, ihre Werk in geduldiger Arbeit Entwickelnde. Ich pflichte Kohler in seiner Betrachtung bei, dass Inspiration aber als eine Form des Verstehens und Antwortens überall zu spüren ist. Dies wird besonders deutlich bei in der Gegenüberstellung von Domins Gedicht "Wunsch", das ich zu Beginn meiner Rezension zitiert habe und dem gespaltenen runden, blauen "Ding" auf Felgers Aquarell.

Auch teile ich die Meinung Kohlers, dass beide Künstler nicht selten die Distanz zwischen Empfindung und Gestaltung, zwischen Sinn und Bild vergrößern und die Dichterin ihre Aussagen in Widersprüchen entwickelt, während dessen der Maler das Gegenständliche verlässt, vielleicht nicht immer, so doch aber in den meisten der abgelichteten Aquarellen, die durch ihre mediterrane Farbgebung bestechen.

Nicht wirklich abstrakt ist das Aquarell, auf dem eine Sonnenblume skizziert ist und das so wundervoll zu Domins Gedicht "Orientierung" passt.



Rezension: Das Buch der Lieder (Gebundene Ausgabe)

Den Kuss, den ich Dir abgeküsst! Den habe ich, und daran glaube ich( Heine)

Heinrich Heine (1797-1856) war ein sehr engagierter politischer Journalist und Essayist, als solcher wird er als Hauptvertreter des so genannten Vormärz gesehen. Gleichzeitig gilt Heine als der letzte Lyriker der Romantik, wobei er diese bereits in seinem " Buch der Lieder" überwindet, oft bewusst ein wenig zu süßlich daherkommt, um das überhöht romantische Gefühl , die von ihm mit Skepsis betrachtete Innerlichkeit kippen zu lassen oder a priori sein emotionales Befinden ironisiert, ohne es jedoch dabei lächerlich machen zu wollen.
Die ironische Distanz zu seiner Empfindung setzt er , wie es scheint, gezielt ein um tatsächliche Gefühlsfacetten zu visualisieren.

Heine ist immer nachdenklich, oft sehr geistreich und nicht selten witzig , auch in seinen Versen. Doch nun möchte ich hier einen anderen Heine zeigen, indem ich Ihnen eines seiner schönsten Liebesgedichte vorstelle.

Wenn ich auf dem Lager liege
In Nacht und Kissen gehüllt,
So schwebt mir vor ein süßes,
Anmutig liebes Bild

Wenn mir der stille Schlummer
Geschlossen die Augen kaum,
So schleicht das Bilde sich leise
Hinein in meinen Traum

Doch mit dem Traum des Morgens
Zerrinnt es nimmermehr;
Dann trag ich es im Herzen
Den ganzen Tag umher.

Im Grunde kann man Heine nicht gerecht werden, wenn man nur ein einziges Gedicht vorstellt. Allerdings lässt der Rahmen hier nichts anderes zu. Deshalb lesen Sie bitte selbst.

Empfehlenswert

Rezension: Lied der Liebe (Gebundene Ausgabe)

Derzeit befasse ich mich intensiv mit den Arbeiten des Künstlers Andreas Felger, in dessen Farb- und Formgebung ich mich vor wenigen Wochen spontan verliebt habe. Der 1935 auf der Schwäbischen Alb geborene Maler begeistert mich seiner mediterranen Farbgebung wegen und seiner Liebe zur Poesie, von der er sich immer wieder bei der Auswahl seiner Motive anregen lässt.

Im vorliegenden Buch sind eine Reihe wunderschöner Aquarelle- meditative Abstraktionen- von ihm abgelichtet, die eine freie assoziative Nähe zum Hohelied von Salomon herstellen. Das Hohelied liegt hier in einer Übersetzung des Österreichers Josef Dirnbeck vor. Es handelt sich dabei um die beste Übersetzung, die bisher kennen gelernt habe. Dirnbeck hat es geschafft, die Verse so zu übersetzen, dass man den poetischen Anspruch Salomons und seinen Sinn für subtile Erotik mehr als nur zu erahnen vermag.

"Salomons Sammlung der Lieder der Liebe" ist sehr schön untergliedert. Oliver Kohler nennt in seinem Vorwort die Sprachbilder zu Recht "Perlen einer Kette". Weil die Liebe nicht nur den Raum der Wörter bewohnt, sondern auch jenseits der Sprache in Stimmungen gestaltet, sind die Aquarelle zum Hohelied genau in dieser Sphäre angesiedelt (vgl.: S. 8). Das Hohelied selbst hat bis heute eine nachhaltige Wirkung auf die Geistesgeschichte und die Kunst. So haben viele jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache Fragmente des Hohenliedes eingewoben (vgl.: S. 9). Kohler verweist auf Verse von Cordelia Edvardson, Erich Fried und Paul Celan.

Die Lieder sind ein wundervoller Dialog zwischen zwei Liebenden, die sich in ihren Gefühlen vollkommen spiegeln.

Sehr berührend sind die nicht zuletzt folgende Verszeilen aus dem "Lied des Gartens":

"ER: ....
Du bist die Quelle im Garten
der Brunnen lebendigen Wassers
mit Wasser vom Libanon.

Sie:
"Nordwind und Südwind
fächelt den Balsamduft
in meinen Garten.

Komm nun, mein Freund,
dein Garten ruft dich;
Komm nun und iss
von den köstlichen Früchten!"


Das ist Gleichklang, aber auch subtile Verführung, die in einer lobenswert, poetischen Sprache dargebracht werden.

Auf meinem Rezensionsblog finden Sie unter der Rezension noch eine weitere Textstelle, die Felger nicht grundlos in ein vollständig rotes Aquarell umgesetzt hat.



Rezension: Im Vorbeigehn: Gedichte und Aquarelle (Gebundene Ausgabe)

" Ich wurde nicht wirklicher/ als ein Gedicht/ oder Traum/ oder die Wolke/ unter der Wolke/" ( Ein Vers von Hilde Domin),



Seit Tagen schon vertiefe ich mich in Arbeiten des 1935 geborenen Künstlers Andreas Felger. Sein Werk umfasst, wie ich mich mittlerweile kundig gemacht habe, Farbholzschnitte, Aquarelle, Ölmalerei, Skulpturen, Holzreliefs und Glasfenster. Im vorliegenden Buch sind Aquarelle von ihm zu sehen, in wunderschönen mediterranen Farben, die die Gedichte Hilde Domins, welche im Buch ebenfalls enthalten sind, auf bemerkenswerte Weise visualisieren.


Viele der Aquarelle erinnern mich der Farben wegen an den Regenbogen, an die grenzenlose farbliche Vielfalt des Südens, an immerwährende Veränderung und an Bewegung. Inmitten der bunten Farben war ich zunächst von einem Aquarell mit einem schwarzen Balken irritiert. Nachdem ich mich in das Bild vertieft habe, wurde mir bewusst, dass dieser Balken der Vielfarbigkeit keinen Schaden zufügt, diese auch nicht verdüstert, sondern ihr wie eine Banderole Halt gibt. Wirklich toll gemacht.



Hilde Domin (1909-2006) zählt zu einer der wichtigsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Studiert hatte sie einst Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Ab 1932 lebte die Jüdin im Exil in Rom, heiratete dort 1936, um später zunächst in England, dann in den USA und schließlich in der Domikanischen Republik zu leben. Erst 1951 begann sie Gedichte zu schreiben, die später in insgesamt 22 Sprachen übersetzt wurden. Wie man dem Vorwort von Marion Tauschwitz entnehmen kann, hat die Lyrikerin die Grundgedanken aus Spinozas Philosophie Die Ethik: Die Bibliothek der verbotenen Bücher in ihre Gedichte eingeflochten. Ihr Leben lang blieb die Dichterin eine Suchende, das zeigt sich sehr deutlich in den augewählten Gedichten.



Ich erlaube mir an dieser Stelle zwei Verse eines Gedichtes zu zitieren, das die Lyrikerin ganz feinsinnig als Suchende "outet":



Die Liebe

sitzt in der Sonne

auf einer Mauer und räkelt sich

für jeden zu sehn

Niemand hat sie gerufen

niemand könnte sie wegschicken

auch wenn sie störte



........

........

.........



Die Mauer ist leer wo die Liebe saß

Wohin ging sie als sie ging?

Selbst der Tod, selbst die Träne

lässt eine Spur.






Rezension:Die schönsten Sonette: Von Petrarca bis Robert Gernhardt (Broschiert) ( aus einen Sonett von Elisabeth Barrett Browning)

Das Sonett ist eine Gedichtsform aus 14 meist fünfhebigen jambischen Versen, die in zwei vier- und oft zwei dreizeilige Strophen untergliedert sind. Das Reimschema lautet zumeist abba, abba, cde und cde.

Der äußeren Form des Sonetts ensprechen der syntaktische Bau und die innere Struktur: Die Quartette stellen in These und Antithese die Themen des Gedichts auf. Die Terzette führen diese Themen in konzentrierter Form durch und bringen die Gegensätze anschließend zur Synthese. Das Sonett wurde übrigens in der 2. Hälfte des 13 Jahrhunderts im Umkreis Kaiser Friedrichs II. am Hof von Parlermo durch die Vertreter der Sizilianischen Dichterschule entwickelt. Meister der Form waren Dante Alighieri sowie Francesco Petrarca und später Shakespeare. In der deutschen Literatur ist das Sonett seit dem 16. Jahrhundert heimisch.



In diesem Buch sind eine Fülle wundervoller Sonette enthalten, ganz zu Anfang solche von Dante Alighieri und Francesco Petrarca, in sehr poetischer Sprache und von berührendem Inhalt. Man wird mit Sonetten aus acht Jahrhunderten vertraut gemacht. Gefreut habe ich mich, dass man sich neben Opitz und Fleming auch an Simon Dachs erinnert hat und mit den schönsten Sonetten meines Lieblingsdichters Andreas Gryphius Gedichte aufwartet. Berührt haben mich die Sonette von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, die ich bislang noch nicht kannte. Es sind sehr nachdenkliche Sonette, denen von Gryphius im Tiefgang nicht unähnlich.

Goethes Sonette haben mich nicht überzeugt. Sein Fühlen war zu intensiv, als dass es sich in dieser Form wirklich hätte wohlfühlen können. Mörike schrieb wundervolle Sonette " Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,/geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;/.........". Auch Baudelaire und Verlaine konnten mich überzeugen " Mit hohlen Augen, wild, mit starren Brüsten,/Eilt Sappho, die Gluten ihres Wunschs verzehren/Gleich einer Wölfin längs der eis`gen Küsten/..." Am meisten allerdings berührte mich Rilke, insbesondere " Die Sonette an Orpheus": " Meide den Irrtum, dass es Enbehrungen gebe/ für den geschehenen Entschluss , diesen : zu sein!"/...... Bei allem meine ich allerdings, dass nachstehendes Sonett von George Meredith eines der gelungensten Sonette ist, das je geschrieben wurde:



Liebende heute



Daran erkannte er, dass sie schlaflos mit offenen Augen weinte:

Von leichtem Beben seiner Hand an ihrem Haupt

wurde das seltsame dumpfe Schluchzen, das ihr Lager,

das gemeinsame, erschütterte, mit jähem Schreck in sie zurück-

gerufen und stumm abgewürgt, gleich kleinen Schlangen,

die klaffend ihn mit Gift bedrohten. Still lag sie

wie ein Stein, und das lange Dunkel floss

mit ersticktem Pulsen dahin. Dann, als Mitternacht

ihrem mächtigen Herzen voll Erinnerung und Tränen

die bleiche Droge Schweigen einflößte und es in Schlafes

schweren Rhythmen schlagen ließ, lagen sie beide

reglos von Kopf bis Fuß, und ihre Blicke durchforschten

die toten schwarzen Jahre, von müßigem Bedauern auf die bleiche

Wand gekritzelt. Wie abgehauene Gestalten lagen sie

auf ihrem Ehe-Grab, das Schwert dazwischen; und jedes

begehrte nach dem Schwert, das alles trennt.






Rezension:Zauberwelt Liebe (Gebundene Ausgabe)

Diese wundervolle Büchlein enthält Abbildungen von Zeichnungen und Aquarellen des 1935 geborenen Künstlers Andreas Felger. Studiert hat er einst an der Kunstakademie München. Im Rahmen seines breit gefächerten künstlerischen Werkes befasst er sich mit der Natur, Musik, Zeitgeschichte und der biblischen Offenbarung.

Die Bildmotive im vorliegenden Buch sind nicht selten in sich verschlungene Farbkompositionen, die an Umarmungen von Liebenden denken lassen. Die Farben selbst sind herrlich mediterran und insofern Ausdruck von Freude und Glückgefühl, wie sie Verliebte nicht selten haben. Ab und an sind auf den Bildern schemenhaft Gesichter zu erkennen, die im Kuss liebevoll zueinander finden.

Den Bilder korresponieren hervorragend mit den Liebesgedichten, die ebenfalls im Buch enthalten sind. Es handelt sich dabei um Gedichte von: Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Bertholt Brecht, Paul Celan, Hilde Domin, Erich Fried, Reiner Kunze, Kurt Marti, Friederike Mayröcker, Nelly Sachs, Kurt Schwitters, Johannes Bobrowski, Günter Eich, Jan Koneffke, Olly Komeda-Soentgerath, Wislawa Symborska, Gertrud Kolmar, Jan Skácel und Jürgen Beckelmann.

Viele der Gedichte kannte ich bislang nicht. Dass man den Reigen mit Erich Frieds "Was es ist" begonnen hat, hat mich gefreut, aber mehr noch, dass man Rose Ausländers "Das Schönste" gleich danach lesen kann.

Ein weiteres Gedicht von Ausländer, das mich beim ersten Blättern innehalten ließ, hat mich überzeugt, zukünftig mehr von dieser Lyrikerin zu lesen. Eine Textstelle aus dem zwei Seiten umfassenden Gedicht " Erklär mir, Liebe" von Ingeborg Bachmann möchte ich an dieser Stelle zitieren:

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
soll ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?

In seiner Gesamtheit können Sie ein Liebesgedicht von Nelly Sachs auf meinem Rezensionsblog nachlesen, das mich besonders berührt hat.

Ein schönes Buch, das ich gerne empfehle.

Rezension:Sämtliche Gedichte: Text und Kommentar (Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch) (Taschenbuch)

Jedes Wesen soll der Liebe frei und froh, wie wir, sich weihn! " ( Hölderlin)


Johannes Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843) schrieb seine Lyrik im Spannungsfeld zwischen griechischer Antike, Weimarer Klassik und deutschem Idealismus einerseits, andererseits wurde das Schaffen des Dichters auch durch die Ereignisse der Französischen Revolution beeinflusst.
Hölderlins Hymen an die Menschheit, die Schönheit und Freiheit, die Liebe( hieraus folgender Vers: Liebe wallt durch Ozeane/ Durch der dürren Wüste Sand,/ Blutet an der Schlachtenfahne/Steigt hinab ins Totenland ! /Liebe trümmert Felsen nieder,/Zaubert Paradiese hin,/ Schaffet Erd und Himmel wieder-/Göttlich, wie im Anbeginn./) als auch an den Genius der Jugend beeindrucken den Leser ebenso wie seine Elegien " "Griechenland" und " das Schicksal", wo der Dichter um das Versunkene trauert und zeitgleich einen Aufschwung zu einem neuen geistigen Griechentum erhofft.
Menons Klagen um Diotima, Der Archipeglagus, Patmos und Ganymed zählen wohl bereits zu Hölderlins Spätlyrik.
Unerschöpflich sind die edlen Metaphern, ersehnen sie in antiken, elegischen und freien Rhythmen Wiederkehr göttlicher Macht, neuen Göttertag über der Nacht der Gegenwart, erhoffen gewissermaßen ein neues Griechenland.

Habe folgende Zeilen Hölderlins für Sie ausgewählt:

" Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,
Wenn sie ruhen am See, oder , auf Wellen gewiegt,
Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln
Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,
So auf Erden wandeln wir. Und drohte der Nord auch,
Er, der Liebenden Feind, klagebereitend, und fiel
Von den Ästen das Laub und flog im Winde der Regen ,
Ruhig lächelten wir , fühlten den eigenen Gott
Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,
ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.

So schreibt dieser Lyriker und an anderer Stelle hält er fest: " Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste..... und es neigen die Weisen oft am Ende zu Schönem sich."

Lesen Sie bitte selbst! Sie werden begeistert sein!

Empfehlenswert.

Rezension:Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon: Nachdichtung von Paul Zech: Mit einer Biographie über Villon (Taschenbuch)

Der Gassenjunge Francois Villon( 1431- 1463) erhielt aufgrund unerwartet glücklicher Umstände eine sehr gute Ausbildung. Er bestand als achtzehnjähriger die "Bakkalaureatsprüfung", die voraussetze, dass ein Kandidat über Witz , Verstand sowie umfangreiches Wissen verfügte und ein ausgezeichneter Redner und Dialektiker war. Mit einundzwanzig Jahren konnte Villon sich bereits Magister nennen.

Sein unsteter Lebenswandel führte ihn zu Vaganten , Dirnen und Räubern, aber auch an Fürstenhöfe. Häufig wurde er inhaftiert, einmal sogar zum Tode verurteilt. Schließlich endet sein Leben irgendwo im Dunkel der Geschichte als Vogelfreier. Wo auch immer sich Villon aufhielt, sammelte er Eindrücke und schrieb sie schonungslos nieder. Seine Balladen und Lieder sind frech, mitunter ungewöhnlich derb. Sehr häufig spielen Liebe, Laster, Ausschweifung und Hass eine große Rolle. Thematisiert werden auch Hunger, Armut und Verelendung.

In einer seiner Balladen verewigt er die schönen Frauen von Paris, in einer anderen gibt er den " jungen Dingern" Ratschläge. Er dichtet über die ewige Unzufriedenheit , über das angenehme Leben auf dieser Welt und besingt immer wieder die Frauen.

Die wohl schönsten Verse widmet er einem Mädchen namens Yssabeau.
Die erste Strophe seiner berühmtesten Ballade lautet:
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Es folgen drei weitere Strophen...

Villons Balladen und Lieder sind wunderbar zeitlos, voller Poesie und Sinnlichkeit!
Sehr empfehlenswert!



Rezension:Sämtliche Gedichte und Balladen (Taschenbuch)

Allen gehört, was du denkst, dein eigen ist nur, was du fühlst (Schiller), 6. Mai 2007

Diese Jubiläumsausgabe sämtlicher Gedichte und Balladen Schillers basiert auf dem Band 1 der Frankfurter Schillerausgabe im Deutschen Klassikverlag. Ich verzichte bei meiner Rezension bewusst auf langatmige theoretische Betrachtungen des sogenannten " Sturm und Drang" und der " Klassik" , sondern möchte das Buch in erster Linie von den darin enthaltenen Versen her beschreiben, auf deren konkreten gedanklichen Inhalt es dem potentiellen Leser vermutlich primär ankommen wird. Die Gedichte sind von ihrem Erscheinungsdatum her aufgelistet.

Die frühe Dichtung Schillers steht unter dem Einfluss Klopstocks. Sie ist pathetisch und spekulativ. Im späteren poetischen Werk des Dichters dominiert das philosophisch-reflexive Element. Die meisten Balladen kennt man aus Schülerzeiten noch und darf sich an den Textinhalten erneut erfreuen oder sich auch darüber ärgern, wenn Schiller , nicht selten vermeintlich besserwisserisch und moralisierend, mit viel Pathos, wortgewaltig daher kommt und man unter einer Flut von Buchstaben zu ersticken glaubt. Immer wieder habe ich nach überzeugender Poesie in Schillers Dichtung gesucht und mir dabei den Vergleich mit Goethe verboten. Jeder der beiden Meister sollte für sich stehen.

Nach wie vor bin ich begeistert von der Ballade " Die Kraniche des Ibycus ", deren Inhalt von dramatischer Grundstruktur ist und deren Grundgedanke eine ethische Idee ist, die über die Balladenhandlung dem Leser nahe gebracht wird. Die freie Übersetzung des zweiten Buchs der Aeneide " Die Zerstörung von Troja" , lässt erkennen , dass Schiller zu recht als Genie bezeichnet wird. Seine lyrischen Reflexionen " Das Ideal und das Leben" verstärken diesen Eindruck. Es folgen eine Reihe so genannter Votivtafeln. Dort hat mich die Sentenz 17 " Das eigne Ideal" / "Allen gehört, was Du denkst, dein eigen ist nur was du fühlest. Soll er dein Eigentum sein, fühle den Gott, den du denkst"/ besonders aufmerken und nachdenklich werden lassen. Schillers Gedicht über die "Würde der Frauen" aber auch Passagen aus " Die Glocke" wurden in den literarischen Salons intellektueller Damen seiner Zeit, wie etwa Dorothea Schlegel, mit Skepsis betrachtet bzw. sogar verspottet.
Einen wirklich lyrischen Schiller lernt man im Gedicht " Kassandra" kennen, aus dem ich zwei Verse zitiere:
" Meine Blindheit gib mir wieder/ Und den fröhlich dunklen Sinn,/ nimmer sang`ich freud`ge Lieder,/ Seit ich deine Stimme bin./ Zukunft hast du mir gegeben,/Doch du nahmst den Augenblick,/Nahmst der Stunde fröhlich Leben,/Nimm dein falsch Geschenk zurück."/ ...und einige Verse danach: / " Fröhlich seh`ich die Gespielen,/ Alles um mich lebt und liebt/ In der Jugend Lustgefühlen,/ Mir nur ist das Herz getrübt./ Mir erscheint der Lenz vergebens,/ Der die Erde festlich schmückt,/ Wer erfreute sich des Lebens,/Der in seine Tiefen blickt!"/ Hier beschreibt sich Schiller meinens Erachtens offenbar selbst und man fängt an zu begreifen, versöhnt sich gar mit ihm, weil man jetzt endlich einen völlig neuen Zugang zu ihm hat.

Wenn er ihm Rahmen seiner " Laura-Gedichte " schließlich erklärt: Deine Blicke - wenn sie Liebe lächeln,/ Könnten leben durch den Mamor fächeln,/ Felsenadern Pulse leih`n/ Träume werden um mich her zu Wesen/ Kann ich nur in Deinen Augen lesen: Laura, Laura, mein!/..... dann beginnt man schließlich zu erkennen, Schiller hätte durchaus auch eine Vielzahl lyrisch überzeugender Verse schreiben können, wenn er nicht die Grundauffassung gehabt hätte." Allen gehört, was du denkst, dein eigen ist nur , was du fühlst."
Jetzt kann man sich beruhigt seinen philosophischen Gedichten zuwenden , sich von der gedanklichen Vielfalt und Tiefe beeindrucken lassen und sich schließlich in " Das Verschleierte Bild zu Sais" vertiefen, wo der Dichter zum Ausdruck bringt, dass die Wahrheit nur verschleiert von Menschen ertragen werden könne.
In seinem Gedicht " Die Götter Griechenlands" zeigt Schiller, dass er von der Schönheit und Sinnesfreudigkeit der griechischen Welt ergriffen ist und macht das Christentum für den Untergang der griechischen Welt verantwortlich.

Der Inhalt des gedanklich sehr abstrakten Gedichts " Die Künstler" verdeutlicht, dass letztlich nur die Kunst dem Menschen die in Schönheit gehüllte Wahrheit zugänglich machen könne. Nur durch Kunst werden die Naturkräfte und -triebe gesittigt, deshalb ist Kunst Anfang und Ende aller Kultur. In seinem Gedicht " An die Freude" - jeder kennt es aus Beethovens 9. Symphonie - / Seid umschlungen Millionen!/ Dieser Kuss der ganzen Welt!/ weist Schiller darauf eindringlich hin , dass die Liebe die Triebkraft der natürlichen wie der geistigen Welt verkörpert. Durch die Liebe treten die Geschöpfe aus der Vereinzelung heraus und kommen zum Bewußtsein des Ganzen, d.h. Gottes. Dieser Gedanke spiegelt sich auch in Schillers Hymne " Der Triumph der Liebe " , die mit dem Vers beginnt:
Selig durch die Liebe
Götter durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer- die Erde
Zu dem Himmelreich.

So ist in Schillers Augen das Paradies demnach noch nicht verloren. Der Schlüssel hierzu ist die Liebe, von der er sagt " Liebe du mächtige knüpfst den Olympus, die Erde zusammen." Diese Liebe spricht aus ihm, wenn er zu Laura sagt " Deine Seele gleicht der Spiegelwelle/ Silberklar und Sonnenhelle/... und an anderer Stelle/ Zwei Gestirn`, in Körper Körper wachsen,/ Mund an Mund gewurzelt brennt/ Wollustfunken aus den Augen regnen/ Seelen wie entbunden sich begegnen/ in des Atems Flammenwind."

Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie vom lyrischen Schaffen Schillers begeistert sein und vielleicht noch eine Weile über eine seiner Sentenzen nachdenken: Wahrheit: Eine nur ist für alle, doch siehet sie jeder verschieden. Das es Eines doch bleibt, macht das verschiedene wahr.

Empfehlenswert!

Rezension: #Mascha_Kaleko-#Mein_Lied_geht_weiter: Hundert #Gedichte (Taschenbuch)

Was war das Leben, Liebster, eh du kamst/...../Was suchte ich, bevor ich dich gefunden?,

Wenn die Augen tatsächlich der Spiegel der Seele sind, dann kann der Betrachter in diesen - ohne je ein Gedicht von Kaleko gelesen zu haben - die enorme Sensitivität aber auch die Melancholie wahrnehmen, die sich in den meisten ihrer Verse widerspiegeln. Die jüdische Lyrikerin galizischer Herkunft lebte seit 1918 in Berlin.

Bereits in den 20er Jahren wurden ihre Verse im gesamtdeutschen Raum bereits in den Zeitungen abgedruckt und schließlich veröffentlichte der Rowohlt-Verlag 1933 ihr erstes Buch, " Das lyrische Stenogramm".
Zwei Jahre später sollte ihr zweites Buch " Kleines Lesebuch für Große" herausgebracht werden, doch die Texte wurden unmittelbar bevor sie gedruckt werden konnten, von den Nazis beschlagnahmt. Weitere Bücher schrieb Kaleko im Exil in den USA. Während der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts galt die Dichterin als die " Bänkelsängerin der Moderne."

1956 besuchte Kaleko Deutschland zum erstem Mal erneut, doch 1960 nahm ihr Comeback ein rasches Ende als sie den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin nicht annahm, weil eines der Jury-Mitglieder vormals in der SS war. 1975 verstarb die Lyrikerin in Zürich.

Mascha Kaleko gibt in ihren Gedichten Alltägliches und Grundsätzliches wieder, sie schreibt sozusagen Gedichte, die man für das Leben gebrauchen kann. Damit lässt sie sich im gewissen Sinne in ihrem lyrischen Schaffen Kästner, Ringelnatz und Tucholsky zuordnen.
Die in diesem Buch vorgelegten 100 Gedichte sind in sieben Themenbereiche unterteilt.

Zur Heimat erkor ich die Liebe - Ich und Du- Du sollst nicht wissen, dass ich einsam bin - Heimweh nach den Temps perdus - Der Jahre buntes Kleid- Wir haben keine andere Zeit als diese- Das so genannte Rad des Lebens -

Kalekos Tristesse und ihre innere Einsamkeit kommen in vielen ihrer Gedichte ebenso zum Ausdruck , wie ihr latenter Spott. In einem ihrer Verse fragt sie: "Warum werfen uns seelische Katastrophen nicht um?" ... und weiter/ Wenn das, was wir Liebe zu nennen gewohnt sind/ stirbt,/ geschieht es auch selten auf einen Schlag,/ Sondern auch nur so schrittweise, Tag um Tag/ Vielleicht ein Tausendstel Millimeter/- Sonst gäb`s chronische Epidemien von gebrochenen Herzen/ So aber verschmerzen wir`s fast/....

Der Verlust ihrer Heimat wurde zum Lebensthema der Lyrikerin: Wenn ich "Heimweh " sage , sag ich " Traum"./Denn die alte Heimat gibt es kaum./Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:/ Was uns lange drückte im Exil./Fremde sind wir nun im Heimatort./Nur das "Weh" es blieb./Das " Heim" ist fort./

Anfügen möchte ich vier Verse aus zwei unterschiedlichen Gedichten von Kaleko, die meines Erachtens besonders deutlich ihre Gefühlsintensität lyrisch zum Ausdruck bringen.

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
Dass ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen,
Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster , nicht im Wort benennen,
Und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die und von Anbeginn vereint,
Wird uns am letzten aller Tage trennen.
( aus : Blatt im Wind)
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Du hast in mir viel Lichter angezündet,
Mit blauen Träumen mir den Tag erfüllt,
Und alles Blühen, alles Leuchten mündet
Noch im Erlöschen hin zu deinem Bild.

Du kamst: Zum Garten ward das Grau der Straßen.
Du kamst nicht, und der Tag hat nicht gezählt.
Wie hat, allein, das Leben mich gequält.
Der große Trug, den wir zu zweit vergaßen.
(aus: Finale con moto)

Schön und traurig zugleich , nicht wahr?
So schreibt Mascha Kaleko.


Sehr empfehlenswert.

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Rezension: Gedichte- Rose Ausländer

"Ich salze meine Suppe mit Krokodiltränen. Das Krokodil, ein Geburtstagsgeschenk, liegt in der Küche und weint, weil ich nicht koche, was es gern frißt: Menschen. Ich füttere es mit Literatur. Es verschlingt alles, was ich ihm vorlese, bis auf  Gedichte. Lyrik findet es unverdaulich." (Ein kleiner tiefgründiger und dabei amüsanter Prosatext aus dem vorliegenden Gedichtsband , S. 247)

Die Lyrikerin Rose Ausländer (1901-1988) war jüdischer Herkunft . Sie lebte von 1941-44 im Getto von Czernowitz, nicht zuletzt deshalb ist eines ihrer zentralen Themen die Judenverfolgung und das Exil.

Wie Helmut Braun im Nachwort des Buches zusammenfasst, lassen sich  ihre insgesamt 3000 verfassten Gedichten - im vorliegenden Band  wird eine repräsentative Auswahl vorgestellt-  in sechs große Kapitel einteilen, die alle eng mit der Biografie der Künsterlerin verknüpft sind:
- Gedichte über Bukowina
- Gedichte über das Judentum
-Shoa-Gedichte
-Exil-Gedichte
-Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel,
als Handwerk und als Heimat
-Gedichte über die Liebe, über Altwerden und über den Tod. ( vgl.: S. 350)

Im Vorwort versucht  Rose Ausländer zu erklären, weshalb sie überhaupt schreibt. Sie mumaßt , dass dies damit zusammenhängt, dass sie in Czernowitz geboren wurde. "Die besonderen Menschen, Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein."( Zitat: Rose Ausländer). Sie erwähnt die Künstler, Dichter, Kunst-, Literatur und Philosophieliebhaber, die das viersprachige Czernowitz beherbergte und  hebt den Dichter Paul Celan hervor, der auch aus ihrer Heimatstadt kam. In der Folge erfährt man von der Lyrikerin , wer sie intellektuell beeinflusst hat.  Sie lässt den Leser wissen, dass Benedikt Spinoza und Constantin Brunner für ihr Denken grundlegend waren. Insofern wundert es nicht, dass sie Spinoza ein Gedicht widmet: "Spinoza II: Mein Heiliger/heißt Benedikt/Er hat/das Weltall/klargeschliffen/Unendlicher Kristall/aus dessen Herz/das Licht dringt"( S. 114).

Ausländer berichtet weiter wie sie im Alter von 17 Jahren begann, Notizen, Einfälle und Verse in ein Tagebuch einzutragen und alsbald sich gewiss wurde, dass Lyrik ihr "Lebenselement" war. Von den Dichtern und Schriftsteller war ihr Hölderlin und Kafka am wichtigsten.  Sie erwähnt ihre Zeit im Getto und  fasst das, was geschah, mit den Worten zusammen:" Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten- unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war das Leben. Überleben."( Zitat: S. 10)

Die Lyriker streift auch ihre Einwanderung in die USA 1946, erklärt, weshalb sie ab 1956 erneut deutsch schrieb und zählt ihre bevorzugten Themen auf.  Immer wieder habe sie versucht zu ergründen, was schreiben eigentlich sei und ist zu dem Ergebnis gelangt, dass es sich um einen Trieb handele. "Der Dichter, der Schriftsteller muss essen, sich bewegen, ruhen, denken, fühlen und schreiben- schreiben, was seine Gedanken und Einbildungskraft ihm vorschreiben."( Zitat: S. 12)

Ich habe mich in viele ihrer wundervollen Gedichte vertieft, dabei verharrte ich lange bei einem kleinen Gedicht mit der Überschrift Heinrich Heine:" Es war ein Lied/seines Landes/jener Hexe/mit goldenden Haar/ die sein Vaterlandswort/ verwandelte/ in einen Fluch". Ich sehe  die Loreley  unweit von der Germania vor meinem geistigen Auge und beginne zu nicken. Wie feinsinnig Ausländer  in diesem Gedicht  diese Gegebenheit mit ihrem schlimmen Folgen auf den Punkt bringt. 

Die Lyrikerin erinnert in ihren Versen  auch an die Künstlerin Käthe Kollwitz und an Paul Celan. Es ist unmöglich an dieser Stelle einzelne Gedichte zu interpretieren oder  gar das ein oder andere hier wiederzugeben.  Zwei Gedichte, die mir besonders gut gefallen haben, möchte ich jedoch zitieren:

Tröstung I

Ich tröste mich
mit dem geträumten Meer
mit Drosselliedern
aus dem vergangenen Wald
mit guten Worten
verlorener Freunde

mit der Erinnerung
an die Zukunft
aus Liebe und Tod.

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Liebe V
Nirgends wir hier
im Herzenhaus
wenn das Minutenmesser
den Tag zerschneidet
und alle Würfel verlieren
nirgends wie hier
bist du mehr
als du bist

Auf den letzten Seiten kann man einer umfangreichen Zeittafel die wichtigsten Lebensdaten von Rose Ausländer entnehmen, einer Dichterin, deren Gedichte ich nachhaltig empfehlen möchte.











Rezension:Variationen über Rot: Gedichte zum Mohn (Gebundene Ausgabe)

Was mag das Mohnblatt fühlen,
wenn es niederschwebt
leiser noch als leise?"
(Ochi Etsujin)

Dieser Gedichtsband enthält sehr aussagekräftige Gedichte von Pablo Neruda, Hilde Domin, Toyotama Tsuno, Peter Beicken, Gustav Falke, Johannes Bobrowski, Czeslaw Milosz, Karl Gerok, Hermann Hesse, Ulla Hahn, Max Dauthendey, Georg Trakl, Ernst Werner, Ochi Etsujin, Reiner Kunze, Paul Celan, Peter Härtling, Rose Ausländer und anderen mehr.

Des Weiteren beinhaltet das Buch Ablichtungen von Aquarellen des 1935 geborenen Künstlers Andreas Felger, der einst an der Kunstakademie München studiert hat. Die Gedichte korrespondieren mit dem Bildern, den so genannten Variationen in Rot, die Mohnblumenabstraktionen unterschiedlichster Art zeigen.

Im Vorwort von Oliver Kohler erfährt man, dass Felger den Mohn als inneren Kreis des Schaffens sah. Weil die Kunst des Augenblicks dem Mohn besonders nahe ist, tasten sich Pinselbahnen nach einem Gewächs, das allem menschlichen Zugriff entzogen bleibt. Deren Kontur entscheidet sich offenbar in Sekunden. Nicht selten verabschieden sich die Farben von der Gegenständlichkeit und erhalten auf diese Weise ihre Plastizität.

Oft sind die Blumenränder eingerissen, um zu zeigen, dass das malerische Geschehen ihre Persönlichkeit spiegelt. Mitunter werden Varianten von Mohn zu Variationen von Rot. Der Mohn in der Poesie sieht nicht nur das Gewächs, sondern auch die Verkörperung menschlicher Empfindungen. Dies zeigt sich auch in dem Gedicht von Rose Ausländer, das im Buch enthalten ist und die Aussagen einiger Aquarelle spiegelt.

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Rezension:Auf Wolkenbürgschaft (Gebundene Ausgabe)

"Und dass dich einer liebt,/ dass man dich anders lieben kann/ als im Vorübergehn,/ das nimmt dich wunder./" (Hilde Domin),

Im Tor schon
hobst du den Blick
Wir sahen uns an.

Eine große Blüte stieg
leuchtend blass
aus meinem Herzen
(Hilde Domin)

Seit Tagen schon vertiefe ich mich in Arbeiten des 1935 geborenen Künstlers Andreas Felger. Sein Werk umfasst, wie ich mich mittlerweile kundig gemacht habe, Farbholzschnitte, Aquarelle, Ölmalerei, Skulpturen, Holzreliefs und Glasfenster. Im vorliegenden Buch sind abstrakte Aquarelle von ihm zu sehen, in vor allem blauen und orangen Farbtönen, die die Gedichte Hilde Domins, welche im Buch ebenfalls enthalten sind, auf bemerkenswerte Weise visualisieren. Anstelle eines Vorwortes führt ein kleiner, erhellender Text des Philosophen Hans-Georg Gadamer mit dem Titel "Hilde Domin, Dichterin der Rückkehr" zu der große Poetin hin.

Auf dem Buchdeckel ist vermerkt "Aufbrechen, loslassen, unterwegs sein, ankommen, einen Anfang wagen, offen bleiben für das Neue". Diese Grunderfahrungen spiegeln sich in den Gedichten und Aquarellen. Die Aquarelle sind teilweise weit abstrakter als andere Aquarelle von Felger, die ich mittlerweile kennen lernen durfte, gedanklicher, zu den Gedichten sehr gut passend.

Hilde Domin (1909-2006) zählt zu einer der wichtigsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Studiert hatte sie einst Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Ab 1932 lebte die Jüdin im Exil in Rom, heiratete dort 1936, um später zunächst in England, dann in den USA und schließlich in der Domikanischen Republik zu leben. Erst 1951 begann sie Gedichte zu schreiben, die später in insgesamt 22 Sprachen übersetzt wurden. Wie man dem Vorwort von Marion Tauschwitz entnehmen kann, hat die Lyrikerin die Grundgedanken aus Spinozas Philosophie in ihre Gedichte eingeflochten. Ihr Leben lang blieb die Dichterin eine Suchende, das zeigt sich in den ausgewählten Gedichten.


Rezension: Liebesgedichte -Tagore

Dieser gereimte Aphorismus des indischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore( 1861- 1941) ist während seiner Auslandsaufenthalte entstanden. Der Dichter notierte solche kurzen Verse handschriftlich und schenkte sie den Menschen, die ihm auf seinen Reisen durch Japan, China und Europa begegneten. Tagore entstammte einer Brahmanenfamilie. Er studierte in England und gründete 1901 eine private Hochschule in Shantiniketan. Der Philosoph trat für umfassende Reformen der hinduistischen Gesellschaft ein. Er schrieb Werke aller Gattungen in bengalischer Sprache, die von ihm selbst ins Englische übersetzt wurden. 1913 erhielt der Dichter den Nobelpreis für Literatur. Rund 40 Gedichtsbände hat er veröffentlicht.
Seine Liebesgedichte, die er bis ins hohe Alter verfasste, beinhalten , wie man den Eingangsworten entnehmen kann, romantische Lieder, die stark von der Bilderwelt des Radha - Krishna - Mythos leben, verehrungsvolle Hymnen, Spottgedichte, realistische Erzählgedichte, aphoristische Kurzgedichte, sowie zweifelnde Alterslyrik.
Die in diesem Büchlein vorgelegten Liebesgedichte wurden von Martin Kämpchen, der auch das Nachwort verfasst hat, ausgewählt. In den beigefügten Quellen und Anmerkungen finden sich eine Reihe hilfreicher Erklärungen zu den schönen Versen.

Um Ihnen einen Eindruck vom lyrischen Können Tagores zu verschaffen, möchte ich ein paar ausgewählte Zeilen aus seinem Gedicht " Unendliche Liebe" zitieren, in welchem das Wechselspiel zwischen kosmischer und persönlicher Liebe thematisiert wird. Der uralte Strom kosmischer Liebe erfüllt sich für jedes Liebespaar in ihrer persönlichen Liebe. Dabei schwingt die kosmische Liebe ständig mit.

Dich hab ich, mir scheint, geliebt in vielen Gestalten
So viele Male,
wieder und wieder in jedem Leben, wieder und wieder
in jeder Epoche.
Ewige Zeiten hat mein betörtes Herz dir Lieder und Kränze
gewunden
.......
.....
Nachdem ich diese uralte Geschichte von den Qualen
langwährender Liebe
immer wieder vernahm, die Sage von Trennung und
früher Verbindung
und ich tief und tiefer in unendliche Vorzeit blickte,
da erschien zuletzt,
wie das Licht des sich allererinnernden Polarsterns,
der das uranfängliche Dunkel durchdringt, dein Bild.

In der Strömung unserer gemeinsamen Liebe trieben wir,
entsprungen aus der Quelle anfangloser Zeit,
wir spielten inmitten hunderttausend Liebender unser
Spiel der Liebe,
Mit ihnen kosteten wir Tränen der Trennungsqual und
den Honig
scheuer Verbindung. Uralt ist diese Liebe, die in stets
neuer Verkleidung erscheint.
......
.....


Das ist Tagore, der seine Leser lange über folgenden Satz nachdenken lässt: " Das unwissende Herz versteht, und doch versteht es nicht."


Empfehlenswert!



Rezension: Wie soll ich meine Seele halten: Liebesgedichte -Rilke

Die Liebesgedichte Rainer Maria Rilkes ( 1875- 1926) sind in erster Linie Liebesklagen.
Seine Verse befassen sich häufig mit Liebe und Tod.

Rilkes Lyrik thematisiert Vergänglichkeit, Selbstverlust, Leiden, Verstellung und Einsamkeit und stimmt auf diese Weise den Leser zunächst etwas traurig, bevor er sich auf die Gefühlsintensität des sensiblen Dichters wirklich einlassen kann.

Worte , wie " Lass uns ineinander sinken, um einander zu überstehen.", irritieren ebenso, wie die Gedichtszeile " denn unsere Seelen leben vom Verrat". Ist das so? Sind das Gedanken, die in ein Liebesgedicht passen?

Liebe und Vergänglichkeit sind für diesen Lyriker ein Begriffspaar. Es scheint Rilke nicht möglich in bunten Farben Bilder der Liebe zu malen, immer wieder gibt es graue Töne. Ganz so wie im wirklichen Leben, nicht wahr?

So schreibt er:

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten,dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu anderen Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden Stille, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns angerührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
Oh süßes Lied.


Das ist Rilke. Das ist wahre Poesie!

Empfehlenswert